Altenpflege Schlaflos im Pflegeheim

Frau Schäfer redet die ganze Nacht, Herr Huber will ständig seine Windel gewechselt haben, Frau Koch liegt im Sterben. Eine Nachtschicht auf der Pflegestation im Mutter-Werner-Heim in Reutlingen

„Wo bin ich?“, fragt Herr Kramer. „Im Mutter-Werner-Heim. Es ist neun Uhr abends, sie müssen jetzt schlafen“, sagt Nachtschwester Bauer. Im Bett daneben röchelt Herr Schmid. Im Zimmer riecht es nach Desinfektionsmittel und Schweiß. Die Fenster bleiben aber geschlossen, sonst wäre es zu kühl. „Diabetiker schwitzen stark, die riechen halt“, sagt Heike Bauer.

Das Mutter-Werner-Heim in Reutlingen ist eines von 13.000 Pflegeheimen in Deutschland. Über 2 Millionen pflegebedürftige alte Menschen gibt es bundesweit. Etwa jeder dritte pflegebedürftige alte Mensch in Deutschland wird laut aktuellem Pflegeprüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen nicht ausreichend versorgt. 34 Prozent der Heimbewohner bekommen zu wenig zu essen und zu trinken, viele liegen sich wund, weil sie nicht häufig genug gedreht werden. Nachtschwester Bauer kennt die Probleme. „Jede Nacht ist straff durchorganisiert. Jeder Handgriff muss protokolliert werden. Uns wäre lieber, wir hätten mehr Zeit für die Patienten.“

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Ihre Kollegin Anna Fischer ruft aus dem Nebenzimmer. Sie braucht Hilfe. Zu zweit drehen sie eine Frau, die an die 80 Kilo wiegt, auf die Seite. Die Windel ist noch trocken. Die beiden Altenpflegerinnen haben vor einer Stunde ihre Nachtschicht im Mutter-Werner-Heim in Reutlingen begonnen. Knapp 100 Bewohner leben hier auf sechs Stockwerke verteilt. Altersdurchschnitt: 85. Bauer und Fischer gehen in jedes Zimmer, sie kennen jeden Namen. Aus Bauers Kittel piepst es. „Das ist der Herr Peter aus der 17“, sagt sie und läuft die Treppe hinunter. Herr Peter, Jahrgang 1918, liegt auf dem Rücken, den Mund weit geöffnet, er schläft. Ein Schlauch wächst aus seinem Bauch. Er wird künstlich ernährt, die Ration ist aufgebraucht. Bauer stöpselt das Verbindungsstück zum leeren Plastiksack ab. An den weißen Wänden hängt ein Foto.  Herr Peter mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern. Der Mann im Bett hat nur wenig gemeinsam mit dem kräftigen Kerl auf dem Foto. Auf der Fensterbank blüht noch immer ein Weihnachtsstern. Herr Peter liegt seit zwei Jahren im Bett, kann nicht mehr aufstehen, nicht mehr sprechen, aber sein Herz ist stark. „Ich glaube, es fällt vielen schwer, loszulassen“, sagt Heike Bauer.  

Die meisten Alten im Mutter-Werner-Heim leiden an Demenz. Einigen fehlt körperlich nichts. „Die Demenzkranken wirken fröhlicher, fast ein wenig zufriedener als die anderen. Wenn ich im Alter wählen könnte, wäre ich lieber dement, als mit vollem Bewusstsein dahinzuvegetieren“, sagt Heike Bauer. Seit 17 Jahren arbeitet sie als Altenpflegerin. Nächstes Jahr wird sie 50.  „Der Job ist hart, aber ich mache ihn gerne. Irgendwann brauche ich vielleicht auch jemanden, der mich pflegt.“

Heike Bauer und Anna Fischer nehmen den Aufzug in den vierten Stock, Frau Moser wartet auf ihr Morphium. Frau Moser sagt, ihr Bein tut weh. Heike Bauer beugt sich zu ihr herunter und fragt überdeutlich: „Wo genau am Bein haben Sie Schmerzen?“ Frau Moser liest von Bauers Lippen ab, sie ist taub. Sie deutet auf ihren Oberschenkel.

„Ist es schon Morgen?“, fragt Frau Moser.

„Nein, es ist kurz vor elf. Zeit für Ihre Medizin“, sagt Heike Bauer langsam.

Im Fernseher läuft Stern TV . Günter Jauch moderiert tonlos. Der Piepser. „Oh nein, das ist der Huber aus dem fünften Stock“, sagt Bauer. Er ist die Nervensäge im Mutter-Werner-Heim. Herr Huber glaubt ständig, seine Windel sei nass.

In Zimmer 53 schläft Frau Richter. Neben ihrem Bett liegt eine Matratze auf dem Boden. Die 94-Jährige fiel letzte Nacht mal wieder aus dem Bett. Blaue Flecken übersäen ihre spindeldürren Arme und Beine. Sie hat kein Seitengitter an ihrem Bett. Es darf nur angebracht werden, wenn akute Gefahr besteht. „Das ist totaler Irrsinn. Wir wissen ja nie, wann sie aus dem Bett fällt“, sagt Bauer. Würden die Pflegerinnen das Gitter jeden Abend einfach hochstellen, wäre dies Freiheitsberaubung.  „Handelten wir mit gesundem Menschenverstand, stünden wir mit einem Bein im Gefängnis“, sagt Bauer. Anna Fischer streichelt ihr die Wange. Ein Uhr und Herr Huber klingelt ununterbrochen. Der Piepser gibt jetzt keine Ruhe mehr. Herr Huber muss noch warten. Erst noch die Insulinspritze für Frau Weber. Ihr Blutzucker war nach dem Abendessen viel zu hoch.

Frau Weber, Ende 50, ist seit 15 Jahren im Heim, sie ist geistig behindert. Neben ihr liegt ein brauner Teddybär. „Drecksau, Drecksau ...“, murmelt sie vor sich hin. Heike Bauer nimmt es nicht persönlich. „So jetzt gibt es einen kleinen Pieks, Frau Weber.“ Frau Weber schreit mit schriller Stimme auf. Schüttelt ihren Kopf hin und her. Heike Bauer lächelt sie an, drückt ihre Hand sanft auf die rechte Schulter und sticht ihr die feine Nadel in den Bauch. „Drecksau, Drecksau ...“

Wieder der Piepser. Jetzt ist Herr Huber an der Reihe. Heike Bauer knipst das Licht an. Herr Huber hält sich am Griff über seinem Bett fest, seine Frau liegt neben ihm und schnarcht. Bauer hilft ihm aus dem Bett. Er geht ins Bad und pinkelt. Es fällt ihm schwer, sich an die Windel zu gewöhnen. Manchmal zieht er sie im Schlaf ab.

Im sechsten Stock ruft eine Frauenstimme: „Margot, Margot ... Wo ist mein Margot?“ „Die schläft jetzt, es ist drei Uhr in der Früh“, sagt Heike Bauer. Margot ist die Tochter von Frau Schäfer und besucht ihre Mutter dreimal die Woche. Die wenigsten bekommen so oft Besuch.

„Wo ist mein Bäbeli?“

„Er liegt auf Ihrem Bauch.“

Der weiße Teddybär ist Frau Schäfers „Bäbeli“, ohne ihn geht sie nirgends hin.

Ihre Zimmergenossin schläft tief und fest. Sie ist so dünn und zierlich, dass sie fast in der rosa Bettdecke verschwindet. Der Piepser. Schon wieder Herr Huber. Heike Bauer und Anna Fischer müssen erst noch Frau Koch umlagern. Frau Koch liegt im Sterben. Sie hat einen offenen Rücken. Vorsichtig nehmen die beiden Altenpflegerinnen das Kissen zwischen den Beinen heraus. Sie liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Heike Bauer horcht, ob sie noch atmet. Auf dem Schrank liegt ein alter Lederkoffer. Frau Koch wird nirgends mehr hinfahren. 6 Uhr 30, schon wieder der Piepser. „Herr Huber, wer sonst.“

 
Leser-Kommentare
    • ttob
    • 19.08.2008 um 21:56 Uhr

    ... so kenne ich das auch noch, aus meinem Zivildienst. Allerdings nicht in der Nachtschicht, aber am Tag ist es nicht wesentlich besser. Im Ggs. da ist es noch viel stressiger, da alle gewaschen werden müssen, um rechtzeitig zum Frühstück fertig zu sein usw. Allerdings ist tagsüber auch das Betreuungsverhältnis besser (war es zumindest bei uns damals). Trotzdem oft kaum zu schaffen.Ungefähr eine viertel-halbe Stunde pro Schicht und Pfleger ging für die Pflegedoku drauf, damit man einen Eindruck gewinnt. Kann aber mittlerweile auch aufwendiger geworden sein, mein Zivildienst war noch in den Neunzigern. Nochmal ne halbe Stunde geht für die "Übergabe" drauf, mit der man Probleme der Patienten mündlich an die nächste Pflegerschicht weitergibt.

    • ribera
    • 19.08.2008 um 23:44 Uhr

    Der Kostendruck macht vieles menschenunwürdig und darunter leiden Betroffene, wie Pflegepersonal.Viele Heimbewohner sind mangels Personal nur noch eine Nummer. Persönliche Zuwendung geht gen null, jemanden 1 Stunde füttern ist zeitlich nicht drin, da gibts dann die Magensonde.Und viele Heimbewohner, vielleicht schon sprachlich eingeschränkt, treffen auf willige, aber weil Ausländer, ebenfalls sprachlich eingeschränktes Pflegepersonal.Das Pflegepersonal ist unterbesetzt und viel zu schlecht bezahlt.Irgend jemand hat mal gesagt, dass sich die Kultur eines Volkes darin widerspiegelt, wie es mit seinen Toten umgeht.Wenn ich sehe, wie wir mit unseren Lebenden umgehen, kommt mir das Grausen.

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