Doping Im Rausch der Sauberkeit
Je mehr Rekorde in Peking fallen, desto lauter fordert die Gesellschaft einen dopingfreien Sport. Warum? Weil sie scheinheilig ist! Ein Kommentar
© Jed Jacobsohn/Getty Images)

Die Sauberkeitspolizei schaut zu
Sport muss sauber sein! So singen es die Volksmassen nun schon zu jedem Großereignis. Sei’s die Tour de France oder Olympia: Doping zerstört ein Ideal. Und sobald ein Athlet den Medikamenten mehr als dem eigenen Körper vertraut, geht nicht nur er, sondern gleich die ganze Idee des Sports zuschanden.
Diese Vorstellung vom sauberen Sport folgt einem höchst sentimentalen Ethos. Das empörte Volk suhlt sich in einem romantischen Körperideal, das im Einklang lebt mit der Natur – und den Grenzen, die eben diese Natur dem Menschen aufzeigt. Die Athleten haben diesen Umstand in Demut zu akzeptieren. Nur auf ihrem Talent, dem Eifer, der reinen Härte darf die erwartete Leistung bauen. Greifen sie jedoch zu verbotenen Substanzen, behandeln wir sie wie ein mit Aussatz befallener Ritter. Der war vielleicht mal Volksheld. Doch jetzt ist er Verräter.
Nun berufen sich die Apostel der Sauberkeit schon hier auf eine Gleichheit, die es gar nicht gibt. Athleten sind per se ungleich. Ihre Körper, ihre Ausstattung und ihre Trainingsbedingungen variieren je nach Herkunftsland. Doch auch das, immerhin, kann man offenbar als akzeptable, weil natürliche Ungleichheit erachten - im Gegensatz zur künstlichen Leistungsoptimierung durch Doping, die den Wettkampf verzerrt
Eine Unschärfe? Nein, es ist die pure Scheinheiligkeit! Denn jenseits des Sports, inmitten unserer Gesellschaft, hat die Künstlichkeit die Natur doch längst überflügelt. Wir nehmen Pillen, um unseren Alltag zu überstehen oder zu ertragen, gehen ins Fitnessstudio, putschen uns auf, und leben länger, als der Natur lieb ist. Das ist dem medizinischen Fortschritt geschuldet. Wir optimieren tagtäglich unsere Leistung. Wir sind gedopt, und das ist vollkommen akzeptiert.
Nun verlangen Sportansager mit sonnengegerbter Haut und gebleichten Zähnen Sperren für gedopte Athleten und schwarzmalen den Untergang des Sports. Indes fordert von ihnen niemand, Zahnstand, wahre Körbchengröße, Adipositas und fettende Mischhaut demütig hinzunehmen – ansonsten würden sie gesperrt. Und mal ehrlich: Wie albern wäre das?
Aber im Sport gelten andere Gesetze, rufen da Kritiker. Man dürfe schließlich die Gesundheit nicht vergessen. Als ob Leistungssport dem verpflichtet sei! Bodenturner bekommen Bandscheibenschäden, Geher kaputte Hüften, Eiskunstläufer morsche Knie, Marathonläufer Herzprobleme. Viele Leistungssportlerinnen leiden an hormonellen Störungen, nicht bloß wegen des Dopings.
- Datum 04.09.2009 - 16:58 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Soweit so gut. Vom Grundsatz her stimme ich dem Autor zu. Es ist verlogen, was wir verlangen und erwarten. Wir sind eine gedopte Gesellschaft, nehmen Schlaftabletten in der Nacht und Aufputschmittel am Tag, um den 24 Stunden, 7 Tage die Woche Rythmus halbwegs ertragen zu können.Doch was heißt das am Ende? Dopingfreigabe für alle, am besten kontrolliert? Kann und darf es nicht geben. Am Ende will sich der Sportler mit Hilfe von Doping einen Leistungsvorteil verschaffen. Niemand dopt, um die Strapazen halbwegs ertragen zu können. Es geht um Sieg oder Niederlage. Und wer Doping frei gibt, macht ein Fass auf. Denn wenn alle dopen dürfen, wird eben mehr gedopt. Mit härteren Mitteln und das bedeutet am Ende noch mehr Tote und Verkrüppelte Sportler. Und so ist es zwar einerseits verlogen, was wir von Sportlern erwarten, aber es ist das einzige Ideal, was erhaltenswert ist. Denn es gibt mit Sicherheit saubere Sportler und mit Sicherheit auch saubere Sieger. Und denen würde man Unrecht tun, wüde man eine Freigabe erlauben, denn dann wären diese irgendwann wirklich Chancenlos.
Grundsaetzlich stimmt es - allerdings :
Denn es gibt mit Sicherheit saubere Sportler und mit Sicherheit auch saubere Sieger.
Das stimmt bei vielen Disziplinen leider nicht mehr !
Die Aufregung der Massen und die Aufmerksamkeit, die Dopingfaelle in der Presse bekommen ist allerdings verlogen - die scharfe Dopingkontrolle und das Verbot an sich aber nicht. Denn sie ist das einzige Regulativ - am Ende schuetzt es die Sportler vor Substanzen, die vielleicht noch schaedlicher waeren als die jeweils verwendeten.Auch eine Abipruefung ist nicht fair - die Schueler haben andere Voraussetzungen, andere Lernbedingungen, unterschiedliche Stressresistenzen. Dennoch faellt man durch, wenn man sich bei einem Taeuschungsversuch erwischen laesst - punktum. Auch das muss man eben sportlich sehen.Es geht beim Doping ja zudem nicht um das Doping als solches, sonder um die Heimlichkeit des Dopings. Wuerde man es freigeben, dafuer aber eine Informationspflicht einfuehren nach der vor Wettkampfantritt mitgeteilt wuerde, welche Substanzen verabreicht worden sind - dann eruebrigte sich das Doping ohnehin, nicht war? Man will durch Doping ja keine individuelle Besserleistung erreichen, sondern einen Vorsprung gegenueber den Nichtgedopten oder schlechter Gedopten.
Grundsaetzlich stimmt es - allerdings :
Denn es gibt mit Sicherheit saubere Sportler und mit Sicherheit auch saubere Sieger.
Das stimmt bei vielen Disziplinen leider nicht mehr !
Die Aufregung der Massen und die Aufmerksamkeit, die Dopingfaelle in der Presse bekommen ist allerdings verlogen - die scharfe Dopingkontrolle und das Verbot an sich aber nicht. Denn sie ist das einzige Regulativ - am Ende schuetzt es die Sportler vor Substanzen, die vielleicht noch schaedlicher waeren als die jeweils verwendeten.Auch eine Abipruefung ist nicht fair - die Schueler haben andere Voraussetzungen, andere Lernbedingungen, unterschiedliche Stressresistenzen. Dennoch faellt man durch, wenn man sich bei einem Taeuschungsversuch erwischen laesst - punktum. Auch das muss man eben sportlich sehen.Es geht beim Doping ja zudem nicht um das Doping als solches, sonder um die Heimlichkeit des Dopings. Wuerde man es freigeben, dafuer aber eine Informationspflicht einfuehren nach der vor Wettkampfantritt mitgeteilt wuerde, welche Substanzen verabreicht worden sind - dann eruebrigte sich das Doping ohnehin, nicht war? Man will durch Doping ja keine individuelle Besserleistung erreichen, sondern einen Vorsprung gegenueber den Nichtgedopten oder schlechter Gedopten.
Der Kommentar zu ist zutreffend und gefällt mir! Schön, dass die ZEIT sich traut, aus dem lobhudelnden Sportbericht-Bestattungs-Einheiz-Brei der Mainstream-Medien auszubrechen und Kritik zu üben. Doping freigeben, Schluss mit der Heuchelei!
Herr David, da hast Du Dich ganz ordentlich mit in mein herz geschrieben. Prima Artikel. Scheinheiligkeit und Bigotterie gehören mit Abstand zum Verabscheuungswürdigsten, was diese Nation zu leisten im Stande ist.
--
der geist in der maschine
Das Dopingverbot soll die Sportler schützen, nicht den SportWenn ein Dopingfall enttarnt wurde, empört man sich nicht um die Sauberkeit des Sportes, sondern um den Betrug gegen die konkurrierenden Athleten.Scheinheiling scheinen mir vor allem Sportfunktionäre zu sein, die Ihre Augen vor dem Offensichtlichen verschließen.Kommentatoren, die Doping kleinreden, sind nicht scheinheiling, dafür zynisch.
werden hier nicht ein paar Klischees ein bisschen zu sehr aufgeblasen?sicher gibt es das beschriebene Alltagsdoping, sei es in der Werbewirtschaft, unter den A/B/C-Promis oder der Model-Welt- aber sind das nicht Randbereiche?welcher 'Normalbürger' dopt sich denn tagein-tagaus in der beschriebenen Weise?!
(zumal das auch ein beträchtlicher Kostenfaktor wäre...)vielmehr stellt sich doch die Frage, wer am meisten verlöre, wenn Doping freigegeben würde: nun, vermutlich fände sich die Werbewirtschaftmit all ihrer Kundschaft ganz oben auf der Betroffenenliste, da der Konsument (des Sportes als auch der Werbebotschaften) jeden Bezug zu den gezeigten 'übermenschlichen' Leistungen verlöre und damit auch das Interesse daran.ähnliche Effekte sind durchaus jetzt schon beobachtbar, z.B. bei der Tour oder der Leichtathletik.Wenn dann noch die Spiele in die menschenrechtliche Wüste vergeben werden, deren Gewichtheber beinahe durch die Bank plötzlich zu den stärksten der Welt gehören, dürfte der Prozess aber auch ohne offizielle Dopingfreigabe seinen Gang der Selbstkarrikatur gehen...
Was ist das denn für ein Kommentar?
Erstens setzt der Autor eine Annahme voraus, die so noch längst nicht bewiesen ist: Daß Zuschauer nur auf Rekorde aus sind. Auch wenn das in seinem Berufszweig nur so zur Kenntnis genommen und transportiert wird (in den Medien ist der zweite schon als Verlierer unten durch) , muß das bim Zuschauer doch lange nicht so sein. Der will Spannung, die sich aus fairem Wettbewerb speist. Ergo , zweitens, ist der Eingriff in den Körper nicht verkehrt und per se das Problem, denn wo "natürliche" Leistung aufhört und künstliche Mittel beginnen, ist auch bei dem erlaubten Equipment nicht klar auszumachen. Oder anders ausgedrückt: Ich sehe da auch im Sinne der künstlichen Hilfsmittel keinen Unterschied, ob jemand beim Schwimmen einen Anzug aus Haifischhaut trägt oder Pillen schluckt. Beides hat mit der aus sich heraus natürlich antrainierbaren Verbesserung der menschlichen Fähigkeit schnell zu schwimmen nichts zu tun.
Die Grenze wiederum ist grau und nicht schwarz/weiß. Es werden daher Regeln aufgestellt, was im Sinne der Ausübung des Sports noch als lediglich unterstützend akzeptiert wird und was darüber hinaus geht und als Fremdwirkung betrachtet wird. Technisch ist beim Schwimmen ein Anzug noch erlaubt, eine jetski-schwimmhilfe (offensichtlich) verboten. Ein Läufer darf ausgeklügelte Schuhe tragen (federnd etc.) aber keine Fiberglass-stelzen. Ergo darf er chemisch Vitaminpillen nehmen, sich aber nicht mit Epo vollpunmpen. Mit Moral hat das nichts zu tun, sondern es ist eine künstliche Definition die festlegt, wie weit (von jedem) eingeriffen werden kann, um Gleichheit sicherzustellen.
Wo diese Grenze ist, aus ethischer Sicht, ist dem Zuschauer sicher egal. Hauptsache alle gehen unter gleichen Bedingungen an den Start.
Das sehe ich ähnlich. Mich interessiert nicht, wie schnell einer die 100m gelaufen ist, mich interessiert, wer erster geworden ist. Ich weiß zwar nicht, ob es durchführbar wäre, aber meinetwegen können wir Uhren abschalten und Maßbänder abschaffen und einfach danach gehen, wer schneller war und weiter geworfen, bzw. gesprungen ist.
Am Fernsehgerät und wahrscheinlich auch live vor Ort sehe ich nicht, ob die 100m in 10,5 oder 9,69 gelaufen werden. Ich sehe, wer schneller war. Das reicht mir. Diese Rekordhetzerei ist ein künstliches, von den Medien produziertes Konstrukt. Sport kann so schön sein, so voller Emotionen, teilweise sogar ästetisch, das reicht mir als Zuschauer. Ich bin selber Sportler und sportbegeister. Ich brauche diesen Hype um Rekorde nicht. Und wahrscheinlich sind es genau die Rekorde, die den Sport kaputt machen. Die Tour war sterbenslangweilig, als Lance Armstrong auf Rekordjagd ging. Sieben Toursiege, wer wollte das noch sehen. Jetzt ist die Tour wieder spannend, weil gleich mehrere Fahrer für einen Sieg in Frage kommen. Das ist für mich Sport. Nicht irgendwelche Robotter, die Jahr um Jahr ihren Pflichtsieg einfahren.
Das sehe ich ähnlich. Mich interessiert nicht, wie schnell einer die 100m gelaufen ist, mich interessiert, wer erster geworden ist. Ich weiß zwar nicht, ob es durchführbar wäre, aber meinetwegen können wir Uhren abschalten und Maßbänder abschaffen und einfach danach gehen, wer schneller war und weiter geworfen, bzw. gesprungen ist.
Am Fernsehgerät und wahrscheinlich auch live vor Ort sehe ich nicht, ob die 100m in 10,5 oder 9,69 gelaufen werden. Ich sehe, wer schneller war. Das reicht mir. Diese Rekordhetzerei ist ein künstliches, von den Medien produziertes Konstrukt. Sport kann so schön sein, so voller Emotionen, teilweise sogar ästetisch, das reicht mir als Zuschauer. Ich bin selber Sportler und sportbegeister. Ich brauche diesen Hype um Rekorde nicht. Und wahrscheinlich sind es genau die Rekorde, die den Sport kaputt machen. Die Tour war sterbenslangweilig, als Lance Armstrong auf Rekordjagd ging. Sieben Toursiege, wer wollte das noch sehen. Jetzt ist die Tour wieder spannend, weil gleich mehrere Fahrer für einen Sieg in Frage kommen. Das ist für mich Sport. Nicht irgendwelche Robotter, die Jahr um Jahr ihren Pflichtsieg einfahren.
Stimme mit dem Kommentar grundsätzlich überein, auch wenn die Erkenntnis der scheinheiligen, heuchelnden Gesellschaft wirklich nicht neu ist.Allerdings ist der Artikeleinstieg ("Sport muss sauber sein! So singen es die Volksmassen nun schon zu jedem Großereignis.") den hier so genannten "Volksmassen" gegenüber ganz schön arrogant. _Wer_ genau singt denn das Lied "Sport müsse sauber sein"? Die Journaille und die Politik nämlich. Ab und zu in den Feuilletons ein Artikel, ähnlich diesem Kommentar ansonst in den Sport- und Politikteilen das Lied, das hier den "Volksmassen" unterstellt wird.Die "Volksmassen" kann man sicherlich nicht heranziehen. Es gibt Sportinteressierte, es gibt Desinteressierte, Aufgeklärte, Blödleser, Realisten, Zyniker, Desillusionierte, .... wen habe ich alles vergessen? Die "Volksmassen" in meinem Umfeld jedenfalls haben das Lied sicherlich schon lange nicht mehr gesungen.Das Thema kann man aber durchaus auch noch differenzierter darstellen, wie in einigen der Leserkommentaren geschehen.
Das sehe ich ähnlich. Mich interessiert nicht, wie schnell einer die 100m gelaufen ist, mich interessiert, wer erster geworden ist. Ich weiß zwar nicht, ob es durchführbar wäre, aber meinetwegen können wir Uhren abschalten und Maßbänder abschaffen und einfach danach gehen, wer schneller war und weiter geworfen, bzw. gesprungen ist.
Am Fernsehgerät und wahrscheinlich auch live vor Ort sehe ich nicht, ob die 100m in 10,5 oder 9,69 gelaufen werden. Ich sehe, wer schneller war. Das reicht mir. Diese Rekordhetzerei ist ein künstliches, von den Medien produziertes Konstrukt. Sport kann so schön sein, so voller Emotionen, teilweise sogar ästetisch, das reicht mir als Zuschauer. Ich bin selber Sportler und sportbegeister. Ich brauche diesen Hype um Rekorde nicht. Und wahrscheinlich sind es genau die Rekorde, die den Sport kaputt machen. Die Tour war sterbenslangweilig, als Lance Armstrong auf Rekordjagd ging. Sieben Toursiege, wer wollte das noch sehen. Jetzt ist die Tour wieder spannend, weil gleich mehrere Fahrer für einen Sieg in Frage kommen. Das ist für mich Sport. Nicht irgendwelche Robotter, die Jahr um Jahr ihren Pflichtsieg einfahren.
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