Echolot Alice Schwarzer in hübsch
Wenn Madonna 50 wird, muss man drüber schreiben. Die einen schmeicheln ihr, die anderen dekonstruieren ihren Nimbus. Außerdem in der Musikpresseschau: Das alte "Sounds"-Magazin ist wieder da!
Jede Woche spiegelt das Echolot, worüber die Fanzines und Feuilletons schreiben
Madonna auf allen Kanälen: Die meisten Musikjournalisten gratulieren ihr artig zum Fünfzigsten, schmeicheln der "Queen of Pop", und bestätigen ihr, dem "Zeitgeist immer einen Schritt voraus" zu sein (Stern). Selbst die ganz Jungen fänden Madonna noch cool, stellt der Stern fest, und heilig argumentiert die FAZ: "Madonna ist eine Popsängerin in exakt dem Sinne, in dem New York eine Stadt und der Papst ein Priester ist: Grundsätzlicher, umfassender, wichtiger geht's nicht." Basta.
Die Lobpreisungen begleiten unzählige bekannte Bilder ihrer langen Karriere. Glückwünsche hin, Papst her, was macht diese Frau denn bloß so faszinierend? Es sei das "Prinzip, mit den jeweiligen Hipstern zusammenzuarbeiten und in subkulturellen Untiefen nach neuen Trends zu fischen", schreibt Sebastian Ingenhoff in der taz. In den vergangenen zehn Jahren habe sie mit Hilfe verschiedener Elektronik-Produzenten "die Popwelt auf den Kopf gestellt", den immer neuen Drang entwickelt, musikalisches Neuland zu betreten.
Vielerorts werden Madonnas Verdienste um den Feminismus gerühmt, ihre Freizügigkeiten und Provokationen als selbstbestimmter Umgang mit ihrer Sexualität gelobt. Die Gleichung "Madonna = Alice Schwarzer in hübsch" geht Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen Zeitung doch zu weit, schließlich setze Madonna "ihre Sexualität konsequent unter dem Gesichtspunkt der gewinnbringenden Vermarktbarkeit" ein.
Er widerspricht der These der amerikanischen Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia, Madonna sei Teil der Wiederherstellung der weiblichen Herrschaft über das Reich der Sexualität. Im Gegenteil sei sie allein dessen Stimulation, "die bis zur größtmöglichen Massentauglichkeit und Perfektion betriebene aktualisierte Variation klassischer Männerphantasien um des Geschäfts willen: Mauerblümchen, blonder Engel, böses Mädchen, Diva, Domina, Prostituierte, Femme fatale. Girl Power mit der Betonung auf Girl."
Mit Emanzipation oder Selbstbewusstheit habe das fast nichts zu tun, umso mehr mit dem grenzenlosen Willen zum Erfolg. Und ihren Ruf als Pop-Avantgardistin verdanke sie weniger ihrem Innovationsvermögen "als einem guten Riecher für den gerade angesagtesten, das heißt aus dem Untergrund längst hochgespülten Produzenten bzw. Sound." Sie habe die Zeit nicht etwa vorangetrieben, sondern sei "ihr immer hinterhergerannt. Sie hat die Muster der Zeit ausgefüllt und industrialisiert, nie entworfen."
Als Madonna acht war, erschien in Deutschland erstmals eine Musikzeitschrift namens Sounds. Das Magazin stand für Expertise und Extravaganz. Anfang der Achtziger fusionierte es mit dem zuvor konkurrierenden Musikexpress und wurde brav. Der Axel Springer Verlag – in dem mittlerweile Musikexpress und Rolling Stone erscheinen – stellt Sounds dieser Tage wieder ins Regal.
Das erste Heft der neuen Zählung widmet sich ausschließlich der schwarzen Musik. "Ein einziges Thema für ein ganzes Heft?", fragt der Redaktionsleiter Ernst Hofacker im Editorial. "Richtig, das ist das Prinzip von Sounds. Und warum auch nicht?" Warum auch nicht, als schwarze Musik gilt hier nämlich alles, was von schwarzen Musikern oder weißen Musikern mit schwarzer Stimme je aufgenommen wurde – Jazz, HipHop, Soul, Pop, Rhythm’n’Blues – und sich heute gut in Anzeigenverkäufe umsetzen lässt.
Carolin Neumann hat das Blatt für den Stern durchgesehen und kommt zu dem Schluss, das neue Sounds habe mit der Zeitschrift aus den Sechzigern nichts zu tun. Viele Texte stammten aus dem Archiv des Rolling Stone, so habe man "vieles in der Erstausgabe so oder so ähnlich schon einmal gelesen, wenn nicht sogar im Musikunterricht zu Schulzeiten gelernt". Zu Wort kämen jedoch auch diejenigen, die von der schwarzen Musik "beeinflusst wurden. So spricht Sounds zum Beispiel mit Smudo von den Fantastischen Vier, der sagt: Schwarz beschreibt für mich einen Sound, nicht eine Hautfarbe. Im Prinzip können auch grüne Marsmenschen schwarze Musik machen." Der Kolumnist Hack Finn sieht das anders.
In seiner Glosse Onkel Toms Bütte versteigt er sich auf der letzten Seite des neuen Magazins in einer abenteuerlichen Erklärung, weshalb weiße Menschen den Blues nicht singen könnten: Der "Neger" (das dürfe man zwar nicht mehr sagen, es bedeute aber letztlich eh das Gleiche wie Schwarzer, sagt Finn), der "Neger" habe den Weißen die Sklaverei voraus. "Sklaverei ist eben kein Ponyhof. Weshalb die äußerst realistische Verkettung unmenschlicher Umstände den Leidenden den Blues praktisch in die Gene trieb." Die Weißen hätten nichts Derartiges erlebt, wüssten also nicht, wovon sie singen sollten. "Den Zahnarzttermin verpasst, die Nationalmannschaft nur Dritter?"
Oder keine Karten mehr für The Police bekommen? Auf Spiegel Online berichtet Marc Pitzke vom endgültigen, finalen, allerletzten, abschließenden Abschiedskonzert in New York. Er ist begeistert. Eineinviertel Stunden spielten Sting und Kumpanen die großen Hits, und liefen "zu voller Form auf. Es gibt ja nichts mehr zu verlieren". Und dann riss es selbst dem erfahrenen Sting-Hörer Pitzke die Füße weg: "Auf den riesigen LED-Leuchttafeln in der Halle erscheint ein grinsender Sting – hinter der Bühne. Und dann lässt er sich dort den grauen Bart, der ihm über die letzten Monate gewachsen ist, in aller Seelenruhe live abrasieren. Die Leute toben und kreischen, und den zweiten Teil der Show absolviert Sting oben ohne – in jeder Hinsicht." Sting ohne Bart? Sensationell!
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- Datum 18.08.2008 - 18:03 Uhr
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