MathematikDer französische Freund

Was wäre ohne Henri Cartan aus der mathematischen Forschung im Nachkriegsdeutschland geworden? Kaum jemand hat die angeschlagene Forschungsdisziplin so gefördert wie der Franzose. Nun ist er im Alter von 104 Jahren gestorben. Eine Erinnerung von Günter M. Ziegler

Vor mehr als 77 Jahren, im Juni 1931, kam der 27-jährige französische Mathematiker Henri Cartan, Sohn des berühmten Élie Cartan, zu Vorträgen an der Universität nach Münster. Damit begann eine enge wissenschaftliche und persönliche Beziehung zum sechs Jahre älteren Münsteraner Mathematiker Heinrich Behnke und seiner dortigen Schule der komplexen Analysis.

Das ist Geschichte, oder besser: der Anfang einer Geschichte – eine, an die jetzt, im August 2008, zum Tod von Henri Cartan erinnert werden muss. Die Freundschaft zwischen Cartan mit Behnke ist deshalb so bedeutend, weil sie Nationalsozialismus und Krieg überdauerte: Es war Cartan, der als Erster nach dem Krieg symbolisch die Hand ausstreckte nach Deutschland, der bereits 1946 nach Oberwolfach im Schwarzwald kam (wo 1944 das heute international bedeutsame Mathematische Forschungsinstitut seine Arbeit aufgenommen hatte) und 1947 nach Münster.

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Martin Grötschel schrieb 1994 als damaliger Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung an Cartan: "Vielen deutschen Mathematikern, gerade auch den jüngeren, gaben Sie so das Gefühl, dass sie trotz des Unheils, das Deutschland über die Welt gebracht hatte, nicht aus der internationalen Gemeinschaft der Mathematiker ausgeschlossen waren."

Einer dieser jüngeren Mathematiker war Friedrich Hirzebruch, Behnke-Schüler in Münster, Jahrgang 1927, später Gründer des Max-Planck-Instituts für Mathematik in Bonn. Gegenüber Cartan äußerte er: "Gesprochen habe ich Sie wohl zum erstenmal, als ich 1951/52 als junger Assistent von Erlangen aus nach Oberwolfach kam. Ich gehöre zu den vielen Mathematikern in Deutschland, denen Sie nach dem Kriege Mut und Kraft geschenkt haben."

Die Deutschlandbesuche von Cartan waren ein wichtiges Signal und wurden als solches gesehen: Er war nicht irgendwer, und 1946 war er schon lange nicht mehr nur der Sohn eines berühmten Vaters, sondern selbst wichtig und für seine eigenen Verdienste berühmt, unter anderem als Mitbegründer und aktives Mitglied der Mathematikergruppe Bourbaki, die mit einer unglaublichen Gemeinschaftsleistung die Fundamente der modernen Mathematik legte, und wegen seiner eigenen fundamentalen Beiträge zu Gebieten wie Funktionentheorie, Algebra und Topologie.

Mit Cartans Besuchen waren die Weichen auch für seine Kollegen in Frankreich und anderswo gestellt: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die mathematische Forschung in Deutschland nicht international isoliert, wie dies nach dem Ersten Weltkrieg geschehen war (noch 1928 gab es heftige Debatten um den Besuch einer deutschen Delegation zum Internationalen Mathematikerkongress in Bologna). Deutschland bekam mathematische Aufbau- und Entwicklungshilfe aus dem Ausland. Ganz besonders und zuerst aus Frankreich.

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  • Schlagworte Mathematik | Dissident | Entwicklungshilfe | Figaro | Frankreich | Freundschaft
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