ZEIT ONLINE: Frau Henkel, unsere Redaktion diskutiert derzeit intensiv über Michael Phelps, den Super-Schwimmer, der täglich neue Medaillen und Weltrekorde erschwimmt. Die eine Fraktion ist begeistert, die andere spekuliert, ob diese Leistungen auf Doping beruhen. Wie geht es Ihnen?

Heike Henkel: Ich habe gemischte Gefühle und kann beide Seiten verstehen. Man sehnt sich ja nach Olympia-Helden. In diesem Fall kann man aber nicht so unvoreingenommen jubeln. Zunächst ist Phelps natürlich toll anzusehen: Er ist groß und ziemlich gut gebaut. Wenn ich allerdings seine Zeiten sehe, werde ich skeptisch. Da frage ich mich schon: Wie ist das möglich ohne unterstützende Mittel? Dass er nur wegen seines speziellen Schwimmanzugs so schnell schwimmt, kann ich mir nicht vorstellen. Außerdem hat mir sein Verhalten nach seinen Siegen nicht gefallen. Wie aggressiv er gejubelt hat. Das sah nach Kampf, nicht nach Freude aus. Aber gut: Von den Amis ist man ja auch immer eine große Show gewohnt.

ZEIT ONLINE: Klare Worte, die mich ehrlich gesagt überraschen. Marc Huster, unser anderer Olympia-Experte, hat sich gestern beschwert, dass Sportler mit unbewiesenen Aussagen unter Generalverdacht gestellt werden. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie es ist, stigmatisiert zu werden, nur weil man herausragend ist in seiner Disziplin.

Henkel: Bei mir ist es andersherum: Ich fühle mich betrogen, wenn immer neue Dopingfälle bekannt werden, dann sinkt die Glaubwürdigkeit des Sports. Das diskreditiert doch meine Leistung im Nachhinein, weil keiner glaubt, dass Sportler auch sauber zu so etwas fähig sein können. Ich verstehe vollkommen, wenn gegen Sportler ein Generalverdacht besteht, ich kann nachvollziehen, dass ein Großteil des Publikums den Glauben verloren hat. Ich habe zumindest immer versucht, mich gegen Doping einzusetzen. Michael Phelps würde ich gerne fragen, ob er in dieser Hinsicht etwas tut.

ZEIT ONLINE: Am Wochenende starten die Leichtathletik-Wettbewerbe. Werden da die Rekorde auch so purzeln wie bei den Schwimmern?

Henkel: Ich kann es mir nicht vorstellen. Gut, einige Zentimeter mehr im Hochsprung sind durchaus möglich. Mein Gefühl sagt mir aber, dass man im Sprint- und Laufbereich am Limit angekommen ist.