Kaukasus/Türkei Die Verwirrung des Westens

Während die EU und Amerika um die richtige Weltpolitik streiten, verbuchen Russland und Iran Erfolge an Europas Rändern

Russische Truppen am Donnerstag, 14. August, in der Nähe der georgischen Stadt Gori

Russische Truppen am Donnerstag, 14. August, in der Nähe der georgischen Stadt Gori

Die Kämpfe am südlichen Kaukasus sind der vierte Krieg in der von militanten Islamisten erschütterten Großregion des Mittleren Ostens seit dem 11. September 2001. Fällt etwas auf? Die Islamisten, ja Muslime überhaupt waren dabei völlig abwesend. Hier kämpften Russen und Osseten gegen Georgier, Christen gegen Christen. Sie bewiesen damit vor den weit aufgerissenen Augen der Welt, dass es nicht den Islam braucht, um Kriege anzuzetteln, sondern vor allem ethnische Gegensätze und die nationalistischen Ambitionen großer und kleiner Mächte.

Der Westen war beim Schießen nicht dabei und dennoch durchweg präsent – mit Worten aus der Ferne und in den Köpfen der Kriegführenden. Der Westen hat eine Niederlage erlitten. So sehen es die Russen, so schreiben es aber auch die Kommentatoren in den Gazetten von Kairo bis Kabul, von Moskau bis Maskat. Warum? „Weil Russland weiß, was es will!“ lautet die Antwort. Das ist ein großer Vorteil Moskaus gegenüber dem vielstimmigen, zerrissenen Westen im Spätherbst der Amtszeit von George Bush.

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Der Westen hat es im Februar 2008 für richtig gehalten, den Splitterstaat Kosovo anzuerkennen. Wenig später, im April, verwehrten Europäer und Amerikaner der Ukraine und Georgien den Nato-Beitrittsprozess. Das Kosovo-Syndrom aber hatten sie längst vergessen. Es gab da einen Zusammenhang, den Russland klar und zutreffend sah, den der Westen aber wegredete.

Wenn der Westen die Unabhängigkeit Kosovos anerkennt, dann antwortet Moskau, indem es die widerborstigen kleinen Separatistengebiete und russisch bewohnten Städte ums Schwarze Meer fördert – bis hin zur Anerkennung ihrer Eigenstaatlichkeit. Russland sponsert diese Gebiete in der Ukraine, Moldawien, Aserbaidschan und Georgien schon lange. Wladimir Putin weiß genau, worauf er damit hinaus will. Sein Ziel ist, jedes Land in Unsicherheit zu halten, das sich zu weit von Moskau entfernt. 

Europa und Amerika hingegen sind unsicher und verwirrt. Sie streiten darüber, ob sie das Schwarze Meer nun als offene See mit prowestlichen Staaten oder eher als russische Einflusssphäre behandeln sollen. Moskau hat durch den Kaukasuskrieg vielleicht seinen Ruf im Westen weiter beschädigt, machte aber erhebliche Fortschritte bei der imperialen Eingemeindung des südlichen Kaukasus in Russlands Vorgarten.

Wenige Hundert Kilometer weiter westlich macht ein anderer dem Westen unangenehmer Präsident Punkte. Mahmud Ahmadineschad besucht am Donnerstag und Freitag die türkische Metropole Istanbul. Es lag ihm viel an dem Besuch, er hat seit 2005 daran gearbeitet, bis ihn die Türken endlich einluden.

Leser-Kommentare
  1. Exemplarisch sei hier folgende Aussage Thumanns zitiert:"Sein (Putins) Ziel ist, jedes Land in Unsicherheit zu halten, das sich zu weit von Moskau entfernt." Träfe diese Aussage nicht gleichermaßen auf US-Hegemonialpolitik  zu? Ich bezweifle, daß der ZEITleser in Watte gepackt werden muß, viel lieber wäre ihm eine widerspruchsfreie, wirklichkeitsnahe Darstellung der Geschehnisse. "Wir beobachten eine immer stärkere Vernachlässigung der grundlegenden Prinzipien des Völkerrechts. Mehr noch: Einzelne Normen, eigentlich schon beinahe das gesamte Rechtssystem eines einzelnen Staates, in erster Linie natürlich der Vereinigten Staaten, haben die nationalen Grenzen in allen Bereichen überschritten und werden sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik und in der humanitären Sphäre anderen Staaten aufgedrängt."So Putin in München 2007http://de.rian.ru/analysi...In Wahrheit wird weltweit ein Krieg der Systeme ausgefochten und die ZEIT konstatiert zu Recht eine Verwirrung des "Westens", da die USA sich nicht unter das Völkerrecht stellen will -- damit kein klares Prinzip vertritt."In den internationalen Angelegenheiten ist immer häufiger das Streben zu sehen, diese oder jene Fragen ausgehend von der sogenannten politischen Zweckmäßigkeit zu lösen, der die aktuelle politische Konjunktur zu Grunde liegt. Das ist natürlich äußerst gefährlich. Und das führt dazu, dass sich niemand mehr in Sicherheit fühlt." (Putin 2007)Nur in unabhängigen Medien -- meist kleinen Websites -- wird der Gesamtzusammenhang hergestellt und auch die westliche Politik hinterfragt. Meine Empfehlung:http://annakuehne.twoday....F. William Engdahl ist vor allem durch sein Buch "Mit der Ölwaffe zur Weltmacht. Der Weg zur neuen Weltordnung." bekannt geworden.http://de.wikipedia.org/w...Sein neuester Betrag:Die Strippenzieher hinter Georgiens Präsident Saakaschwilibeschreibt das internationale Interessensgeflecht hinter dem georgischen Regime. Diese westliche "Tiefenpolitik", "miteinander verflochtene, der öffentlichen Kontrolle unzugängliche Strukturen innerhalb und außerhalb des Staatsapparates, die Prozesse von historischer Tragweite in Gang setzen"http://de.wikipedia.org/w...existieren im Heile-Welt-Bild der ZEITredakteure nicht, deren Beiträge damit notgedrungen einen quasireligiösen Charakter annehmen._______________________________________________________
    Die Interessen der ZEIT:
    http://de.wikipedia.org/w...
    Was derzeit wirklich passiert:
    http://www.pelastop.de/20...

    • ugk
    • 15.08.2008 um 10:26 Uhr

    Dear Michael,gestern hieß es noch "Nun konnten die Russen strategische Ziele im ganzen Land bombardieren,
    den Ölhafen Poti angreifen, die Hauptstadt Tiflis beschießen und
    einkreisen, Infrastruktur zerstören, die georgischen Truppen vor sic
    h
    hert1reiben. Ziel: Chaos im Land schaffen, Russlands Dominanz im Land etablieren, den
    George-Bush-Freund Saakaschwili vielleicht am Ende stürzen." Wow, wow, wow, stop! Reality check! Ok, I know, the grim looking  Russian snipers in the photo were aiming at you. Duck and cover, but keep on thinkingDoch heute schon wird galant die Relativierungsnudel geschwungen, das hört das Kennan Institute gar nicht so gern, daher auch schön verpackt. "Der Westen hat es im Februar 2008 für richtig gehalten, den Splitterstaat Kosovo anzuerkennen."- Die ZEIT hält sich da jetzt erst mal raus, der Westen war es halt."Wenn der Westen die Unabhängigkeit Kosovos anerkennt, dann antwortet
    Moskau, indem es die widerborstigen kleinen Separatistengebiete und
    russisch bewohnten Städte ums Schwarze Meer fördert – bis hin zur
    Anerkennung ihrer Eigenstaatlichkeit."  
    -  Diese kleinen widerborstigen Dinger, die nerven einfach nur. Und dann erkennt Moskau auch noch die Eigenstaatlichtkeit an, dass würden wir niemals ... ähmm ... naja... jedenfalls ist Kosovo gaaaanz was anderes. Liegt ja auch gaaanz woanders, oder?"Russland sponsert diese Gebiete in der Ukraine, Moldawien, Aserbaidschan und Georgien schon lange."  - Während  das Kosovo keine müde Mark von uns bekommt, jawohl, die müssen alleine durchkommen! "Moskau hat durch den Kaukasuskrieg vielleicht seinen Ruf im Westen
    weiter beschädigt, machte aber erhebliche Fortschritte bei der
    imperialen Eingemeindung des südlichen Kaukasus in Russlands Vorgarten."
     -  Da erwarte ich von einem Transatlantiker aber mehr Schärfe.  "Eingemeindung", "Vorgarten"? Im nächsten Artikel verharmlost Thumann Russland wahrscheinlich noch als Kleingartenkolonie in der Herr Kawutzke einfach Ruhe vom Nachbarn haben will. Soweit kommt es noch! - Den Rest  mit der Türkei und dem Iran habe ich nicht verstanden. Da muessen sie auch dem Leser mal Schwächen zugestehen. Also, beim Rudern immer darauf achten, das beide Arme halbwegs synchron sind.

  2. Ich kann die Gleichschaltung der Zeitredaktion nicht nachvollziehen. Erstens ist Russland hier nicht der Aggressor. Georgien hat bewusst den Tod vieler Menschen in Kauf genommen. Sehen wir Südossetien als georgisch an, so geht das ja schon stark in Richtung Verbrechen an der eigenen Bevölkerung.  Zweitens kann man wohl kaum behaupten Russland hätte überzogen reagiert. Im Gegenteil! Für russische Standards (siehe Tschetschenien) verlief der gesamte Einmarsch überaus gesittet. Vergeltung auf amerkanisch sieht da ganz anders aus. Unsicherheit besteht wohl nur in Europa. Halten wir mal fest: Der UN Sicherheitsrat ist eine Farce (wie die UN an sich sowieso stehtsHandlungsunfähig ist), die NATO wäre potentiell zerbrochen, wäre Georgien schon dem Pakt begetreten und die EU ist militärisch zu schwach um seine eigenen Sicherheitsinteressen wahrzunehmen und somit stehts im Kielwasser der Ammis zu finden. Besonders dank der ehem. Ostblockstaaten ist sie politisch ebenfalls kein Faktor.Uns jetzt spinnt unsere eigene Presse auch noch rum - mit klarem Feindbild: Der Meinungsbürger.

  3. weil es immer noch in diesen Kategorien denkt: "der Westen" und die anderen.Hat Bush nicht gesagt "Entweder ihr seid für uns oder ihr seid gegen uns". So ist das. In diesem Denken bleibt kein Platz mehr für ein Russland, das eine eigene Identität bewahren und nicht zum "Westen" gehören möchte, aber auch nicht gegen ihn, sondern einfach Russland bleiben möchte.Ich fände es auch gut wenn Deutschland sich vom "Westen" lösen würde und einfach wieder Deutschland werden würde. Dann müssten wir auch nicht mehr diese "Westen"-Propaganda in den Zeitungen lesen und der Nebel der Voreingenommenheit würde von den Hirnen der Deutschen verschwinden.

  4. Fällt etwas auf? Die Islamisten… waren dabei völlig abwesend.

    Weil es um diese vielleicht auch überhaupt nicht geht?
    Denn anders, als man es immer gern weismachen will, geht es nicht vorrangig um ethnische Konflikte in Ossetien (die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Südossetiens ist seit der Volkszählung 1939 erstaunlich stabil geblieben:), sondern um politische Projekte.
    „Europa“ hat seine amerikanischen Stecknadeln bereits. Nach dem Kosovo (Russland war immer gegen die Unabhängigkeit)  war die nächste mit „..…will“ in Georgien dran, und ich wette, mit der Ukraine wird der nächste Pin bewegt.
    Kiew hat nämlich bereits erklärt, das man sich das Recht vorbehalte, „Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte, die vor der Küste Abchasiens an der Operation zur Befriedung Georgiens teilgenommen hatten, nicht zurück nach Sewastopol zu lassen.“
    Interessant nur, das der Vorsitzende der Duma Fjodorow gestern in Moskau dazu aufgerufen hat, das „Russland engere Beziehungen zur Europäischen Union herstellen und gemeinsam gegen die Entfachung von Konflikten auf dem Kontinent ankämpfen soll
    Diese Russen.
    Einfach nicht kalkulierbar.
     

  5. Sorry, Herrr Thumann, aber das ist einfach falsch nur:"Sie bewiesen damit vor den weit aufgerissenen Augen der Welt, dass es
    nicht den Islam braucht, um Kriege anzuzetteln, sondern vor allem
    ethnische Gegensätze und die nationalistischen Ambitionen großer und
    kleiner Mächte
    ."Selbstverständlich braucht es nicht den Islam - wer hat das den je behauptet, dass Krieg nur möglich sei, wenn der Islam danan beteiligt wäre?Sie sagen es ja selbst: vor allem ethnische Gegensätze - religion ist bestandteil von ethnie - und religion, vor allem, wenn sie bewaffnete Auseinandersetzungen begünstigende Elemente enthält in reicher zahl, ist dann halt besonders gut geeignet - wie halt auch ein paar andere sachen. Auch sowas wie 'rasse' ist ja auch twas ethnisches, wenn man Wissenchaft als bestandteil von Ethnischer Ausprägung, gemeinhin kultur, fassen will - Rassen-konzepte waren zumindest zeitweilig einmal bestandteil von wissenschaftlichen annahmen und als solche hervorragend geeignet um hierarchische verhältnisse udn dann dammit auch rechte auf eroberung, gewalt usw... zu rechtfertigen.Letztendlich kann es aber jede Distinktion sein, die für eine Hierarchisierung (z. B. in moralischer Hinsicht) verwendet wird.Religionen sind nunmal auch Unterscheidungssysteme zwischen Gläubigen und nicht-Gläubigen - und aus diesen lassen sich dann auch immer unter bestimmten lesarten Hierarchisierungen begründen - manche Religionen sind dafür besser oder einfacher zu gebrauchen als andere - that´s all.Aber Islam hat mit den Georien-russland-konflikt nichts zu tun und warum sie nun in den Zusammenhang darauf kommen, ihn überhaupt erwähnen oder inwieweit da irgendeiner Aussage über den Islam enthalten sein soll, nämlich ob "er" nun friedlich sei oder nicht (Systeme sind weder das eine noch das andere - menschen gebrauchen Systeme nur jeweils unterscheidlich), ist für mich nicht nachvollziehbar.Ihre Analyse bzl. Achmedinedschad (oder wie auch immer) stimmt in meinen augen im Groben - Ihre schlussfolgerungen aber kann ich persönlich nicht teilen:"Jetzt können sie nur noch zuschauen und fragen, warum das passieren
    konnte. Ganz einfach. Weil sich der Westen zu wenig um die Türkei
    kümmert, weil er das Land nur durch das Prisma von Migranten und
    EU-Kandidatur sieht, weil Europa dem Streit um die Olivenweltmacht
    Zypern Vorrang einräumt vor einem anständigen Verhältnis zur Türkei
    "Die Probleme mit der 'Türkei' sind nicht weg oder marginal, wenn man mal all die von ihnen aufgezählten Punkte wegnähme.Die Türkei hat bis heute noch ein massives Demokratiedeffiziet und zumdem gerade auch eine verstärkung von Islamistischen Strömungen - was zumindest auch in der Türkei von manchen Schichten so gesehen wird, wie man aus dem Streit um die AKP entnehmen kann. Die Zypriotischen Ölivenbäume machen es genauso wenig wie der Streit um die Zugehörigkeit von Zypern. 

    • Peter3
    • 15.08.2008 um 12:37 Uhr

    Schaltungsgleich mit den anderen Medien im Nato-Bereich unterläßt der Artikel von Herrn Thumann den Hinweis, daß "die Russen" im UNO-Auftrag, also als "Blauhelme" v e r p f l i c h t e t waren, den Angriff der Georgischen Nationalisten abzuwehren. Zahlreiche russische Soldaten fanden den Tod als sie diesen UNO-Auftrag ohne Fehl und Tadel durchgeführten.Schaltungsgleich mit den anderen Medien im Nato-Bereich verwendet Herr Thumann den Begriff "Der Westen". Bei der Bezeichnung "Der Westen" handelt es sich jedoch um eine Kampf- und SPALTERPAROLE derjenigen, die nichts mehr bekämpfen und zu verhindern suchen als eine VEREINIGTES EUROPA. Sachlich ist diese Kampfbezeichnung "Der Westen" ohnehin haltlos. Moskau liegt auch nicht östlicher als Ankara oder Tel Aviv! 

  6. "Fällt etwas auf? Die Islamisten… waren dabei völlig abwesend."

     Das faellt nur dem auf, bzw. findet man diesen Umstand nur dann beachtenswert, wenn man sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Islamophobie befindent, was einem allerdings bei der regelmaessigen Lektuere der etablierten Presse durchaus passieren kann. Dass es diesen Krieg ("Christen gegen Christen" - wie ungewoehnlich...) braucht, um die Unhaltbarkeit dieser Huntingtonischen Verwirrung zu realisieren, kann man nur als eine intellektuelle Bankrotterklaerung verstehen."Der Westen war beim Schießen nicht dabei und dennoch durchweg präsent –
    mit Worten aus der Ferne und in den Köpfen der Kriegführenden".Der Westen hat einen autoritaeren Kriegstreiber mit Waffen und Geld vorbehaltlos unterstuetzt bis zum Punkt, an dem dieser groessenwahnsinnig geworden ist, so er es denn nicht schon vorher war. Letztlich zur Tuerkei ist zu sagen, dass der Iran diese nicht durch irgendeine List aus dem Westlichen Buendnis herauslocken will, sondern dass die AKP einen aussergewoehnlich fortschrittlichen und potenziell sehr ertragreichen, realpolitischen Kurs im Nahen Osten faehrt, der auf die Befriedung der gesamten Region (Isarel/Syrien, foerderung Palestinaensischer Wirtschaftsprojekte, etc.) im Sinne tuerkischer Wirtschaftsinteressen abstellt. Hierfuer hat sich der Westen in Erster Linie zu bedanken, anstatt dies unnoetig als Bedrohung zu begreifen.

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