Sie sind auf einer Abendgesellschaft eingeladen. Gerade kommen Sie vom Buffet mit einem Teller voller Kaisergranat. Jetzt suchen Sie Anschluss und platzen in eine unbehagliche Gesprächspause. Ihnen fremde Menschen in Nadelstreifen und Kostümchen blicken Sie erwartungsvoll an. Kein Problem! (Die folgenden Tipps funktionieren auch mit Würstchen statt Kaisergranat.)

Um warm zu werden, reden Sie über ein Buch. Am besten über ein neues, denn Sie sind bestens informiert. Sagen Sie, wie sehr Sie sich auf Vladimir Nabokovs letzten Roman freuen. Legen Sie die Stirn in Falten, die Hand ans Kinn, und seufzen Sie so laut, dass es alle hören: Eigentlich habe Ihnen ja nur Einladung zur Enthauptung gefallen, das sei noch aus der Zeit, in der er auf Russisch geschrieben habe. „Ganz fantastisch, ja, diese Düsternis, dieser Witz.“

Falls irgendwer sagt, wie pietätlos Nabokovs Sohn sei, es gegen seines Vaters Willen zu veröffentlichen: Reißen Sie die Arme hoch, seien sie moderat entrüstet. Sagen Sie: „Hätte Max Brod damals auf Kafka gehört – was wäre uns entgangen!“ Schieben Sie nach: „Und was ist mit Albert CamusErster Mensch?“ Das wollte seine Tochter zunächst auch geheim halten. „Was für ein Buch!“ Pause, Emphase, Tusch: „Vielleicht sein bestes.“ Obgleich: Neulich hätten Sie mal wieder Die Pest aus dem Regal genommen – und fragten sich nun, was Ihnen daran ehedem gefallen habe. Sagen Sie, „dieser ganze Existenzialismus ist ja im Grunde etwas für Pubertäre.“  

Apropos: „Madonna wird 50 und ist immer noch pubertär.“ Am Samstag hat sie Geburtstag, da werden alle drüber reden. Auch Sie! Aber wenn die anderen sagen, wie bedeutend sie sei, wie sie sich immer neu erfände und dann von ihren Outfits schwärmen – rollen Sie mit den Augen und bemerken beiläufig: „Madonna hat sich ihren Tanzstil auch nur aus amerikanischen Schwulenclubs abgeschaut. Vogueing heißt der.“ (Das spricht sich wie die Modezeitschrift mit „ing“ hintan. Üben Sie das besser vorher.) Geben Sie zu bedenken, dass alle Madonna dafür feierten, dabei hätten die Hispanier diesen Stil erfunden. Fragen Sie: „Haben Sie Madonna schon mal live gesehen?“ Und beantworten selbst: „Das klingt wie Milli Vanilli bei Stromausfall!“

Sollten Sie das Gefühl haben, dass sich Ihr Gegenüber für Pop interessiert, fahren Sie fort: „Was halten Sie von Factory Girl?“ Ein Film über Andy Warhols Muse Edie Sedgwick, der läuft gerade im Kino. Fragen Sie in den Raum: „Aber war nicht Nico das eigentliche Factory Girl?“ Kommen Sie richtig in Fahrt: „Die war doch der Beweis dafür, dass Nihilismus und seelische Qual nicht zur Kunst genügen!“ Rumms, das war apodiktisch. Ja, aber was ist Kunst? Heikles Thema.