2. Teil der Sommermeditation über das Üben: Intensität 

Die "Lernwerkstatt Natur". Kinder und Erzieherinnen der Städtischen Tageseinrichtung "Kindertraum" © Walter Schernstein

Mitten im Ruhrgebiet findet man eines der interessantesten Projekte in der Vorschulpädagogik, die Lernwerkstatt Natur . In Mülheim wurde von der Stadt mit Unterstützung der Deutschen Telekom Stiftung in einem Park ein Glashaus errichtet, das man „Treibhaus der Zukunft“ nennt. Ganz in der Nähe ist ein Wald mit einer Schlucht und einem Bach. Das Haus dient Kindergärten als Basislager für Expeditionen in die Natur. Neben der Stadt und der Stiftung sind Erziehungswissenschaftler die Dritten im Bunde. Sie wollen herausfinden, wie der inzwischen viel beschworene Forschergeist der Kinder tickt. Eines wurde sofort klar, nicht im Gleichtakt. Jedes Kind braucht für die verschiedenen Dinge seine Eigenzeit. Kinder trödeln oder rennen. Sie bewegen sich nicht wie brave Kindergartenkinder in der Stadt, die Hand in Hand durch den Straßenverkehr geschleust werden. 

Im Laufschritt und mit höchsten Tönen geht es in die Schlucht. Die Kinder sind zwischen vier und sechs. Sie haben vorher einen Bollerwagen mit Seilen, Schaufeln, Eimern, Sieben, Lupen und anderem Werkzeug bepackt. Unten am Bach hopsen die meisten mit ihren Gummistiefeln erst mal ins Wasser. Das gleiche Spiel, wieder und wieder, aber in wechselnden Rhythmen. Andere befestigen an Bäumen Taue und ziehen sich den steilen Hang hoch. Das sieht gefährlich aus. Vielleicht zu gefährlich? Eine Wissenschaftlerin beruhigt. Noch nie wurde hier die Erste-Hilfe-Tasche benutzt. Am Bachufer haben Kinder eine Fabrik für verschiedene Arten Kleber eröffnet. Das nennen sie Arbeit. Andere springen immer noch ins Wasser, inzwischen nicht mehr gleichzeitig, sondern nacheinander.

Professor Gerd E. Schäfer von der Kölner Universität ist der Projektleiter und einer der wenigen Erziehungswissenschaftler, die sich in Deutschland mit den frühen Jahren beschäftigen. Nach zwei Jahren Beobachtungen in der Lernwerkstatt Natur staunt er immer noch, mit welcher Intensität die Kinder bei der Sache sind, zum Beispiel wenn sie sich tagelang am Wasser immer wieder im Schöpfen und Gießen üben. „Das müssen sie in hundert Variationen ausprobieren, mit Sieb, ohne Sieb, mit Sand im Sieb, mit Erde im Sieb, mit Blättern im Sieb, mit kleinen Flohkrebsen im Sieb.“ Bei diesen scheinbar immer gleichen Übungen sind die Kinder auf der Suche nach neuen Variationen und entwickeln, so Schäfer, „eine ungeheure Ausdauer.“

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Konzentrationsschwäche konnten die Erziehungswissenschaftler auch bei Kindern nicht finden, die im Kindergarten als konzentrationsschwach gelten. Schäfers Kollege Reinhard Demuth, Professor am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel, kam bei einem Forschercamp mit Grundschülern in den Sommerferien zum gleichen Ergebnis. Die Kinder kamen aus einer Schule im sozialen Brennpunkt. Die Lehrer klagen darüber, dass sich ihre Kinder nicht über eine längere Zeit konzentrieren können. Nichts davon im Sommercamp. Demuths Erklärung ist, dass sie ihre Sinne üben konnten und Aufgaben hatten. „Viele Kinder leben in einer Welt, die sie nicht wirklich mit ihren Sinnen, mit dem Hören, Sehen, Begreifen erfahren haben“, sagt der Professor für die Didaktik der Naturwissenschaften.

Kinder wollen die Dinge und zugleich sich selbst spüren und möglichst viel ausprobieren. Am liebsten würden sie in der Materie baden. Es geht ja nicht darum, etwas nur technisch auszuführen. Sie beginnen einen Dialog mit den Dingen und es ist, als würden sie sich dabei selbst stimmen, so wie man ein Musikinstrument stimmt. Das ist Üben. Was bewirkt man beim Sprung in das Wasser? Wie reagiert der Matsch in der Kleberfabrik auf unterschiedliche Wassermengen und längeres Kneten? Was spürt der, der sich am Seil den Hang hochzieht? Das Wort Schwerkraft muss nicht fallen. Aber die Sache selbst ist ganz gegenwärtig. Man stelle sich vor, die Kinder würden stattdessen eine Hörkassette über Schwerkraft hören.