Zweifelhafte Sicherheit
Vor dem Hintergrund fällt es schwer, die Ankündigung Donald Tusks von Donnerstagabend nicht unmittelbar im Text des Georgien-Konfliktes zu lesen. Stunden zuvor hatten sich die Chefunterhändler beider Seiten verständigt, obgleich, wie es hieß, „technische Fragen“ noch ungelöst seien. Wie die Vereinbarung im Detail aussieht und ob Washington nun plötzlich den gewaltigen polnischen Wünschen entspricht, ist noch nicht klar. Allerdings werden in Polen ständige Luftabwehrraketen vom Typ Patriot stationiert, das gehörte zu den Warschauer Bedingungen.
Dass Moskau prompt den dementierten Zusammenhang herstellen würde, war klar. So geschah es auch. Ohnehin zählte Polens Präsident Lech Kaczynski zu den Staatschefs, die eilends in Tiflis der georgischen Regierung ihre Solidarität bekundet haben. Für Polen hatte sich wie für die baltischen Staaten Russland als Aggressor geoutet. Wenige Tage später zu verkünden, der „Rubikon ist überschritten“, im Raketenschild-Streit sei man sich nun einig, werden aber auch andere als politische Demonstration verstehen. Eine Demonstration gegen Moskau und für einen „harten“ Kurs in Washington. So ist es gedacht.
Der Riss in der Allianz jedoch wird durch die Entscheidung in dem Augenblick noch vertieft. Bei einer Nato-Ratssitzung in Brüssel hatte sich gerade erst herausgestellt, dass keineswegs Einigkeit darüber herrscht, die gesamte Russlandpolitik infrage zu stellen. Angela Merkel hat während ihres Gesprächs in Sotschi mit Präsident Medwedew bekräftigt, dass die Gespräche über eine Einbeziehung Russlands in die Raketenabwehr trotz der "Verschärfung der Diskrepanzen" fortgesetzt werden müssten: "Wir waren an diesem Punkt schon mal weiter", fügte sie hinzu. Anders als im Irak-Konflikt zählen diesmal nämlich nicht nur Deutschland und Frankreich zu denen, die warnen, in der Konfrontation mit Russland werde man nichts erreichen, Kooperation sei dringend nötig; auch Italien und Spanien fanden sich in Brüssel auf dieser Seite.

Lediglich Großbritannien, die neuen ostmitteleuropäischen EU-Mitglieder und Washington optierten für eine harte Linie – wobei nicht klar ist, was das heißt. Tschechien, hieß es aus Brüssel, habe sich in dieser Fraktion als Scharfmacher hervorgetan – was nicht überraschend ist. Nun plötzlich kommt die Raketenschild-Entscheidung hinzu. Von ihr sagt das Weiße Haus in Washington zwar, dieses Abwehrsystem sei „ein substanzieller Beitrag für das kollektive Sicherheitssystem der Nato“. Das aber hat die Nato schon vor dem Kaukasus-Krieg auseinanderdividiert. Selbst die Befürworter unterstützten die Idee eher aus Loyalität zu Washington denn aus der Überzeugung heraus, es erhöhe die Sicherheit.
Jetzt erst recht werden die Skeptiker argumentieren, in Augenblicken der Krise werde die Spaltung in der Allianz noch vertieft, statt einen politischen Konsens zu suchen. Dass Polen – bei der Geschichte, die es mit Russland hat – die Kraft fehlt, die Prioritäten anders zu setzen, sagen wir: europäischer, vermag man nachzuvollziehen. Dass aber die Administration in Washington zu diesem Zeitpunkt Kalte-Kriegs-Stimmung schürt und die Bündnispartner noch weiter zersplittert, heißt nur: Die derzeit Verantwortlichen haben aus den Fehlern der letzten Jahre offenbar nichts gelernt.
- Datum 21.4.2009 - 19:59 Uhr
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ZITATDass aber die Administration in Washington zu diesem Zeitpunkt
Kalte-Kriegs-Stimmung schürt und die Bündnispartner noch weiter
zersplittert, heißt nur: Die derzeit Verantwortlichen haben aus den
Fehlern der letzten Jahre offenbar nichts gelernt.
/ZITATsteht als letzter Satz im Beitrag. Meine Frage: Wo waren die Fehler? Ich vermute doch bei Deutschland, und einigen anderen Staaten des alten Europas, das keine NATO Zugehoerigkeit fuer Georgien und die Ukraine in Zukunft sehen wollte, weil sie (die alten Europa Staaten) Angst vor den Russen haben.Ob Angst ein guter Ratgeber ist, mag ich bezweifeln. Das bezweifelt vermutlich auch die Regierung in Warschau. Nehmen wir mal an, die Russen moechten ein Stueck von Polen oder den baltischen Staaten haben und agieren entsprechend. Dann wuerde man in Deutschland sagen, die "Amis sind schuld" und wuerde es dabei belassen. Das heisst die NATO ist nichts mehr wert. Unabhaengige USA Garantien, wie sie Polen und Tschechien nun haben, sind was wert. Ich moechte gern wissen, was passieren wuerde, wenn russische Panzer zum zweiten mal in hundert Jahren vor Berlin stehen wuerden, was , nach dem derzeitigen Verhalten von Putin garnicht so unwahrscheinlich ist.Auf jeden Fall wuerde ich als Amerikaner dafuer plaedieren, dass der dann residierende US Praesident genau das machen wuerde, was die Deutschen in Afghanistan gemacht haben: Reden, Reden, Blockieren, Nichtstun. Ich fuerchte die NATO ist schon gestorben. Die Polen haben's gemerkt, sie Balten wissen es, die Deutschen verdraengen es. Gerd
Na immerhin hat die Bundeswehr zurzeit 3.500 Soldat/innen in Afghanistan stehen und will noch auf 4.500 erhöhen.
Von Nichtstun kann keine Rede sein.
Lasst uns darüber hinausgehen!
Man sollte auch die Biestandsklausel beachten, nach der die USA den Polen in "schwierigen Zeiten" umgehend zur Hilfe kommen. Ob sich das nur gen Osten oder auch gen Westen richtet?
wo die russiche Einflusszone der Zukunft ist. Gerd
wo die russiche Einflusszone der Zukunft ist. Gerd
Wie lange soll es noch schiefgehen? Wer nach Sicherheit sucht und nach seinem Gewehr greift, hat nicht begriffen, was der Unterschied zwischen Sicherheit und Drohpotential ist. Drohpotentiale schrecken ab bis aus der Bedrohung eine Herausforderung geworden ist, der sich der Bedrohte gewachsen fühlt. Unsere Geschichte könnte als Lehrbuch benutzt werden, statt einfach nur mit immer denselben Fehlern fortgesetzt zu werden.Sicherheit in Europa wird es geben, wenn alle Europäer und das heisst zusammen mit den Russen Regelungen finden, mit denen wir zunächst erreichen, dass die imperialistische Beute"kultur" entgültig in die Vergangenheit verabschiedet wird und die vielfältigen Möglichkeiten der Kooperation einfach einmal erprobt werden. Dann kann Europa sein wahres Potential entdecken, das es schon so oft in zerstörerischen Auseinandersetzungen vergeudet hat.Wie oft wird sich der Bär noch piksen lassen, bis er wirklich wütend wird.Das haben wir nicht gewollt, wird niemand mehr hören wollen.
Schoener Traum.Warum redest Du nicht mal mit dem Putin daruber. ich bin sicher, der ist Dir dankbar fuer diesen Nobelpreis traechtigen Gedankengang. Allein kommt er sicher nicht drauf. Gerd
eine prima Gelegenheit, die €U zu schwächen?
...fuehlen sich immer wieder Staaten (in diesem Fall Russland) durch die Errichtung von RaketenABWEHRbasen ANGEGRIFFEN? Ich gebe zu, ich bin nicht ueber die technisch-militaerischen Details einer solchen Einrichtung informiert, wuerde aber davon ausgehen, dass sie nur zur Verteidigung gegen einen fremden Flugkoerper im eigenen Luftraum eingesetzt werden koennen. Richtig?Wenn das so stimmt, dann liegt es doch in der Souveraenitaet jedes einzelnen Landes, solche Abwehrbasen zu errichten und umgekehrt kann sich kein Nachbarstaat beschwerden, weil er ja nicht bedroht wird. Wo ist also das Problem?Eigentlich laesst ein Aufbegehren (hier Russlands) doch immer nur darauf schliessen, dass der sich betrogen fuehlende Staat isngehim imperiale Angriffsgedanken hegte oder zumindest nicht als unmoeglich ausklammert. Dann aber war die Angst des die Abwehrbasis errichtenden Staates vor dem Nachbarn wohl mehr als berechtigt...
Jahrzehntelang galt: wer zuerst schießt (also Atombomben schmeißt), stirbt als Zweiter. Im Kern hat sich diese Auffassung gegenseitiger Abschreckung bis heute erhalten. Die Abwehrbasen stören dieses Denken und laufen darauf hinaus: wer Abwehrbasen hat und dann schießt, gewinnt.
Da haben Sie völlig recht, Herr Mentär. Es handelt sich um ein reines Abwehrsystem, welches maximal zehn Sprengköpfe zerstören kann, nachdem diese bereits abgefeuert wurden.Die Abwehrraketen sind gegen die russischen Nuklearwaffen völlig wirkungslos, weil das (fest installierte und nicht schwenkbare) Radar in Tschechien nicht Richtung Russland blicken würde, weil landgestützte russische Interkontikentalraketen über den Nordpol anfliegen würden, weil die Russen darüberhinaus auch noch see- und luftgestützte Atomwaffen haben, weil ihre Atomsprengköpfe teilweise über fortgeschrittene Technologie zum Ausweichen und Stören solcher Abwehrwaffen besitzen und nicht zuletzt, weil sie erheblich mehr als zehn Atomsprengköpfe haben.Die Abwehrraketen haben übrigens auch nicht "Mehrfachsprengköpfe", wie der Autor Gunter Hofmann fälschlicherweise behauptet, sondern sie haben vielmehr gar keine Sprengköpfe.Abgesehen davon, daß die Abwehrraketen nicht gegen russische Angriffe schützen können vermögen die Abwehrraketen übrigens auch nicht die USA schützen, wie oft fälschlicherweise behauptet, da sie nicht die entsprechende Reichweite haben. Die USA angreifende Raketen würden, egal ob sie aus Russland oder dem Iran kämen, in dieser Flugphase zu hoch fliegen. Siedienen nur dem Schutz Europas vor einer kleinen Zahl (maximal zehn) Raketen. Die NATO hat auf ihrer letzten Tagung übrigens einstimmig der Einrichtung der Raketenabwehr zugestimmt.Warum suchen eigentlich die Polen den Schutz der USA? Nun, seinen wir doch mal ganz ehrlich: glaubt wirklich einer, daß Deutschland den Polen zur Hilfe kommen würde, falls die Russen dort einmarschieren würden (z.B. über Weißrussland)? Sicher hätten die Polen irgendwie "provoziert", außerdem ist Gewalt ja keine Lösung und so weiter. Mehr als einen diplomatischen Aufruf an beide Seiten, den Quatsch zu lassen, vorsichtig formuliert und bloß die Russen nicht reizend, hat man von uns nicht zu erwarten.Warum also fühlt Russland sich bedroht? Nun, ganz einfach: Russland fühlt sich nicht bedroht, aber der Streit um die Raketenabwehr ist ein nützliches Werkzeug, um die Bevölkerung der westeuropäischen NATO-Staaten gegen die osteuropäischen NATO-Staaten und die USA aufzubringen. Herr Hofmann und andere sind da gerne behilflich...
Die gegnerische Abwehr kann nicht unterscheiden was von diesen Abschussbasen startet. Weder an der Basis noch am "launch vehicle" ist erkennbar um was für eine Waffe es sich handelt. Die Kommentare des betroffenen Landes werden vielleicht verständlicher wenn man die einfache Folgerung hieraus zieht.Die Basen müßten im Krisenfall präventiv zerstört werden da die Gegenseite das Risiko diese "am Leben zu lassen" nicht eingehen kann.Reaktionen der zuständigen militärischen Stellen in Russland werden eventuell verständlicher wenn sich die Leser vorstellten die gleichen Einrichtungen würden auf Kuba installiert.
Erstens muss man verstehen, dass diese ganzen mil. Psychopaten mit ihren nuclear war - dreams immer von einem Verhältnis, ihrer jeweiligen Zerstörungspotenziale reden, da sie diese immer als Drohung einsetzen. Wenn also einer etwas hat, was die Potenziale des jeweils anderen zum teil aufhebt/neutralisiert, dann hat und - historisch gesehen hatte schon immer seit Hiroshima - der Andere ein Problem damit (gehabt). .Der sogenannte Schutzschild richtet sich lt.Washington gegen einen iranischen Nuklearangriff auf Europa, d.h. eine Radaranlage soll die gen Europa fliegenden A-Raketen des Iran erkennen und diese mit eigenen Abfangraketen abschießen. Zuerst haben die USA die gemeinsame Überwachung der geplanten Anlage vorgeschlagen, was die Russen abgelehnt haben weil hier in Tschechien.Dann aber haben die Russen sinngemäß "warum in Tschechien/Polen?" gesagt, es sei doch besser, diese (gerne gemeinsam geführte) Anlage stünde in Aserbeidzhan, das liegt doch direkt an Iran dran und von dort aus kann die Gefahr sowieso - der Physik nach, siehe Weltkarte - schneller erkannt werden. Zum damaligen russischen Vorschlag einer gemeinsam geführten Anlage an der iranischen Grenze siehe Links:- vom SPIEGEL: 07. Juni 2007, 08. Juni 2007- von der BBC ein Link.- von der KAS ein Link.- International Affairs.Reaktion aus Washington damals (hier Quelle BBC): "Vorschlag abgelehnt." ...Ich hoffe, jetzt können Sie das alles etwas besser verstehen..MfGZack34
Sicher nett gemeint aber zu naiv
Jahrzehntelang galt: wer zuerst schießt (also Atombomben schmeißt), stirbt als Zweiter. Im Kern hat sich diese Auffassung gegenseitiger Abschreckung bis heute erhalten. Die Abwehrbasen stören dieses Denken und laufen darauf hinaus: wer Abwehrbasen hat und dann schießt, gewinnt.
Auf der Erde wimmelt es vor amerikanischen Mititästützpunkten - Warum ???
Vor Allem, wann man die gestrige Print-Ausgabe der ZEIT liest. Ich habe das Gefühl, gelassenere Artikel kommen wegen vieler Proteste der Kommentatoren, das Gedruckte wird aber ziemlich in der Rhetorik des Kaltes Krieges ausgeführt. Bevor es zu spät ist, habe ich folgenden Artikel verfasst, und bitte ihn Mal gründlich zu lesen:Bereitet uns die Presse und die Politik auf einen neuen Kalten Krieg vor?http://kommentare.zeit.de/user/vladimirovic/beitrag/2008/08/15/bereitet-uns-die-presse-und-die-politik-auf-einen-neuen-kalten-
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