Russendisko In den Ohren fiept's
Wie rockt eigentlich Moskau? Unsere Autorin hat sich mit jungen Russen im Proberaum eingeschlossen. Eine schweißnasse Audio-Reportage

© Diane Hielscher; [M] ZEIT ONLINE Grafik
Hemd aus zum Proben: Max, Pascha I, Anton (Mitte) und Dima (rechtes Bild)
Drei Lieder sind gespielt. Wir müssen dringend das Fenster öffnen, um atmen zu können. Im Proberaum sind's 50 Grad, der Sauerstoff ist verbraucht, die Jungs haben ihre T-Shirts ausgezogen.
Die Jungs heißen Anton, Kostja, Dima, Max, Pascha und Pascha. Sie sind keine Band, sie sind Teile verschiedener Bands. Aber sie können im Moment in ihren Stammgruppen proben, weil Ferienzeit ist. Die meisten ihrer Mitspieler sind am Meer. So haben sie sich getroffen, um Fingerübungen zu machen. "Songs to kill the time" nennt einer der Paschas das. Zum Zeitvertreib gibt es heute Jazz, Blues, ab und zu ein bekanntes Rockstück.
Der Proberaum, der zu einem Hinterhof-Studio in Moskau gehört, sieht aus, wie es das Klischee verlangt: Der Flur ist verkommen, die Klos sind weit weg und schmutzig, an den Wänden hängen alte Teppiche. Überall liegen Adapter, Kabel, Verteiler, Verstärkerteile und Mikrofone. Dazu volle Aschenbecher, leere Bierflaschen, Stifte, Papier und alte Schlaginstrumente. In der Produzenten-Kabine sitzt ein Mann und spielt Sim City.
Pascha I ist 33, Produktdesigner und spielt Gitarre in der Jazzband MondayFunk. Er hatte eigentlich gehofft, beim Moskauer Jazz-Festival im Juni auftreten zu können, aber die Jury hatte sich für eine andere Kombo entschieden. MondayFunk liegen gerade auf Eis.
Anton nickt, er spielt Schlagzeug bei MondayFunk, außerdem noch in zwei weiteren Bands. Sie heißen Freeman Way und Lifetime Clowns und machen Funk und Indie-Rock. Anton ist 23 und sieht aus wie ein echter Indie-Rocker: lange Haare, kleines Bärtchen, freches Grinsen.
Die Atempause ist vorbei, die Jungs spielen endlose Blues-Schleifen. "Schneller! Auf drei!" Anton hat mittlerweile den Platz am Schlagzeug Pascha II überlassen. Dafür dirigiert er jetzt, alle hören auf sein Kommando. Pascha I soliert an der Gitarre, dann Kostja am Keyboard.
Kostja ist 24, spielt sonst Nu Prog Metall mit seiner Band Nova Art und arbeitet als Chemiker im wissenschaftlich-technischen Zentrum in Moskau. Er entwickelt Reifen für Militärfahrzeuge. Wie das genau geht, will er aber nicht erklären. Er sagt, das verstünden nicht mal seine Freunde auf Russisch.
Schweiß liegt in der Luft, doch beim Proben muss das Fenster geschlossen bleiben – der Lärm. So leiden wir mit Freude.
Pascha II sei einer der beiden Schlagzeuger Moskaus, sagen die anderen, er spiele in vielen Bands. "Er ist Freelancer!", schreit Kostja in die Musik und lacht laut. Pascha II ist ruhig, wählt seine Worte bedacht, trinkt kein Bier, raucht nicht. Er studiert Musik und mag "gut gemachte Musik", egal welche, Hauptsache, jemand hat sich Gedanken gemacht.
Pascha I und Max gehen neues und vor allem kaltes Bier kaufen, das Fenster wird aufgerissen. Wir atmen durch, in den Ohren fiept's.
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- Datum 20.08.2008 - 10:27 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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