Jens Kleinert ist seit 2006 Professor für Sport- und Gesundheitspsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln.

ZEIT ONLINE: Ist sportlicher Erfolg Kopfsache?

Jens Kleinert: Wenn man den Sportlern glaubt, auf jeden Fall. Boris Becker zum Beispiel hat vor Jahren schon gesagt, dass ihn seine mentale Stärke so weit gebracht hat. Andere Athleten formulieren es ähnlich. Auch wenn sie zu erklären versuchen, warum sie ihre optimale Leistung nicht erbringen konnten, nennen sie oft psychische Gründe. Dann heißt es etwa: "Ich war nicht richtig aktiviert, da hat es im Kopf nicht gestimmt".

ZEIT ONLINE: Was stimmt in diesen Momenten nicht?

Kleinert: Häufig hemmt Athleten die Angst zu verlieren oder sie fühlen sich im Wettkampf nicht selbstsicher genug. Im Leistungssport kann aber oft auch Übermotivation zum Problem werden, der Athlet will zu viel. Dann ist es wichtig, sich ein realistisches Ziel zu suchen. So hat es auch die Schwimmerin Britta Steffen gemacht. Sie hat für sich selbst ganz individuelle Ziele formuliert. Nicht: "Ich will die Goldmedaille", sondern eher "Ich will hier meine Bestzeit zeigen". Das ist ein wesentlicher Unterschied. Und letztlich hat sie so sogar zweimal Gold geholt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht so ein psychologisches Training aus?

Kleinert: Es wird sehr viel mit Bildern gearbeitet. Wenn sich ein Sportler eine Bewegung nicht vorstellen kann, dann hat er große Probleme, diese zu lernen, oder es gelingt ihm gar nicht. Er muss die Dinge konkret vor Augen haben, das kann ein Bewegungsablauf, ein Ergebnis oder auch ein Gegner sein. Dieses Visualisieren muss jeder Athlet lernen und üben. Ist der Sportler kurz vor dem Wettkampf abgelenkt, hilft es, wenn er mit sich selbst spricht, um den Fokus wiederzufinden. Dabei kann er sich noch einmal seine Bewegungen vorsprechen oder Mut machen. Diese Selbstinstruktion ist ein wichtiger Bestandteil des psychologischen Trainings. Um dann im entscheidenden Moment seine Leistung abrufen zu können, muss sich ein Athlet psychisch quasi aufputschen. Zum Beispiel, indem Teamspieler kurz vor Beginn ihrer Disziplin zusammenkommen und sich gegenseitig motivieren. Sie führen bestimmte Bewegungsrituale durch oder rufen etwas wie "Wir schaffen das heute". Nach dem Wettkampf und auch bei der Vorbereitung muss sich der Körper hingegen entspannen. Viele Sportler nutzen autogenes Training, Yoga oder Qi Gong. All diese Dinge üben Sportpsychologen mit den Athleten.

ZEIT ONLINE: Das klingt ja alles ganz nett. Aber lässt sich überhaupt belegen, dass psychologisches Training wirklich den Erfolg steigert?

Kleinert: Ja, zum Beispiel hat Kraftentwicklung viel mit Konzentration zu tun. Es gibt wissenschaftliche Studien, die das belegen. Das geht sogar so weit, dass Menschen ihre Leistungsfähigkeit alleine dadurch verbessern können, dass sie sich eine Übung vorstellen. Ist der Bewegungsablauf schon im Kopf verankert, lässt er sich nicht nur leichter ausführen, sondern auch schneller zur richtigen Zeit abrufen. Das gilt selbst für einfache Bewegungen wie etwa das Anspannen von Muskeln. Es gibt außerdem wissenschaftliche Hinweise, dass Menschen, die ängstlich sind, ihre Muskeln nicht mehr gut unter Kontrolle haben. Wer vor Nervosität zittert, hat keine ordentliche Feinkoordination mehr. Für einen Sportschützen ist das natürlich der Horror.