Noch sind John McCain und Barack Obama gar nicht offiziell als die Kandidaten ihrer Parteien nominiert. Aber egal, wie das Rennen um die Präsidentschaft ausgeht: Wenn nach dem 4. November die Rückschauen auf das Wahljahr veröffentlicht werden, wird es auch darum gehen, wie viel Energie in diesem Jahr auf den Wahlkampf im Internet verwendet worden ist – und wie viel dieser Energie verschwendet war.

Zunächst galt es, die Kandidaten auf Wikipedia, dem selbst editierten Online-Lexikon, ins richtige Licht zu rücken . Dann maßen sich John McCain und Barack Obama in den sozialen Netzwerken MySpace und Facebook darin, wer die meisten Kontakte gewinnen kann. Als Nächstes ging es um die Video-Abrufe auf YouTube. Und zuletzt um die Hegemonie beim Kurztext-Blog Twitter und dem Nachrichten-Aggregator Digg.

Erst spät hatte John McCain in diesem Jahr damit begonnen, speziell auf YouTube zugeschnittene Videos zu produzieren – Videos also, die humorvoller und überraschender sind als Fernsehclips und im Internet deshalb viral verbreitet werden, durch E-Mails, soziale Netzwerke oder Blogs. Richtig gelungen ist ihm das erst in diesem Monat. Zwei Videos, in denen er Barack Obama als "Promi" verspottete, wurden zusammen rund drei Millionen Mal angesehen – Rekordwerte für den Kandidaten. Die konservative Tageszeitung Washington Post sprach John McCain angesichts dieser Zugriffszahlen schon die Führungsposition bei YouTube zu. Doch der Demokraten-nahe Meinungsportal DailyKos widerspricht dieser Zählung: Bei den Gesamtabrufen aller Videos sei Barack Obama weiterhin unerreicht. Diese Meinungsverschiedenheit ist exemplarisch für das Ringen über die Meinungsführerschaft im Web: Abseits von online erworbenen Spendengeldern ist oft unklar, wie sich Erfolg im Internet messen lässt.

Das gilt auch für den Micro-Blogging-Anbieter Twitter, bei dem Barack Obama in der vergangenen Woche laut einer Meldung des Technik-Blogs TechCrunch zum meistgelesenen Autoren aufstieg, während John McCain in den Twitter-Top-100 nicht auftaucht. Auf der Twitter-Website können Nutzer kostenlos Einträge veröffentlichen, die maximal 140 Zeichen umfassen – diese Länge ist vergleichbar mit Handy-Kurzmitteillungen. Entsprechend wird das Angebot auch genutzt: "Bin in Paris, Frankreich, mit Präsident Nicolas Sarkozy" steht zum Beispiel auf der Twitter-Seite von Barack Obama, so als hätte der Demokrat während seiner Europa-Reise höchstpersönlich eine schnelle SMS an seine Anhänger getippt. Obamas Twitter-Einträge sind allerdings nicht Selbstzweck; fast jeder Beitrag endet mit einem Link auf die Wahlkampf-Website oder auf ein Online-Video, von wo aus der nächste Spendenbutton nicht weit ist.

Wer bei Twitter registriert ist, kann die Beiträge anderer Autoren abonnieren. Rund 60.000 Nutzer machen das bei Barack Obama. "Obama abonniert automatisch jeden, der auch ihm folgt", schreibt Erick Schonfeld in TechCrunch . Ein zusätzlicher Anreiz, die in Obamas Namen veröffentlichten Kommentare zu abonnieren, ist also, dass dadurch der eigene Wert in den Charts der meistgelesenen Twitter-Nutzern steigt. Wie viele Abonnenten Obamas Twitter-Mitteilungen tatsächlich lesen, wird dadurch aber verschleiert. Pierre Carion weist in einem Kommentar bei TechCrunch darauf hin, dass auch der US-Komiker Stephen Colbert im oberen Drittel der Top 100 landet, obwohl er seinen Twitter-Account seit einem Jahr nicht mehr genutzt hat. Ein besserer Anhaltspunkt zum aktuellen politischen Diskurs auf Twitter ist vielleicht die Internetseite Politweets die Twitter-Beiträge sammelt, in denen die Worte "Obama" und "McCain" enthalten sind, und so erfahrbar macht, über welchen Kandidaten aktuell was geschrieben wird.