Wer erinnert sich noch? Anfang Juni, Barack Obama hatte gerade die Vorwahlen der Demokraten gewonnen, griff der Republikaner John McCain zum Telefonhörer und gratulierte seinem Konkurrenten. Beide Kandidaten für das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten versprachen einander einen äußerst fairen Wahlkampf. Sie verkündeten, alles anders machen zu wollen als ihre 43 Vorgänger und gelobten feierlich, ab sofort nur über Sachthemen zu streiten und persönliche Angriffe zu vermeiden, vor allem solche unterhalb der Gürtellinie.

Knapp zwei Monate später ist dieses Versprechen Makulatur. Rechtzeitig zu den Parteitagen – am Montag treffen sich die Demokraten in Denver, eine Woche später kommen die Republikaner in Minneapolis zusammen – gehen McCain und Obama in Kampfstellung. Es ist wie immer: Weil beide Kandidaten große Schwächen haben, wollen sie von sich ablenken und zielen auf die Achillesferse des anderen. Kurz vor dem entscheidenden 4. November gibt es kein Pardon mehr.

Jeder will die Präsidentschaftswahl zur Volksabstimmung über den anderen machen – nach dem Motto: "Der ist viel schlimmer und riskanter, ich bin das geringere Übel." Der schwarze Senator aus Illinois porträtiert McCain als Blaupause des verhassten Präsidenten George W. Bush. Der weiße Senator aus Arizona skizziert seinen Widersacher als einen unerfahrenen, blauäugigen, vaterlandslosen Schönredner, dem man das Weiße Haus nicht anvertrauen könne.

Dabei schienen sich die Kandidaten anfangs an ihr Versprechen zu halten. McCain las jedem Wahlkampfhelfer die Leviten, der sich über Obamas zweiten Vornamen "Hussein" lustig machte, und er distanzierte sich von Werbespots mit rassistischen Untertönen. Obama rügte Leute aus seinem Team, die über Cindy McCains frühere Tablettenabhängigkeit herzogen oder den Kriegshelden McCain als Kriegstreiber diffamierten. Beide zogen durch die Lande, gelobten den Beginn einer neuen politischen Ära und beließen es vornehmlich dabei, in Dutzenden von Sporthallen und Gemeindezentren ihr politisches Programm zu verkünden. McCain gegen Obama – die beiden ungewöhnlichen Kandidaten schienen tatsächlich einen ungewöhnlichen Wahlkampf zu führen. Doch es stoben keine Funken, in den Umfragen dümpelten beide Kandidaten vor sich hin und die Medien langweilten sich. Wie also sollten die beiden Kampagnen wieder in Fahrt geraten?

Als Erster sortierte John McCain  sich neu und heuerte Leute an, die einst im Auftrag von George W. Bush erfolgreich Giftpfeile auf den Gegner gerichtet hatten. Er weiß aus eigener bitterer Erfahrung, wie rücksichtslos sie dabei vorgehen, schließlich war er bei den republikanischen Vorwahlen 2000 selber ihr Opfer. Das Bush-Team streute das Gerücht, McCains Adoptivtochter aus Bangladesch sei in Wahrheit das Kind einer außerehelichen Beziehung.