Im Grunde genommen ist Joe Biden in Vielem das komplette Gegenteil zu Obama - und die Republikaner werden diese Widersprüche bis zum Letzten auskosten.

Allerdings fürchten sie Biden auch, deckt er doch Obamas offensichtliche Schwächen fast lückenlos ab: Er ist mit 65 Jahren fast 20 Jahre älter und als Politiker weitaus erfahrener, sitzt er doch schon seit 36 Jahren im Senat und kennt in Washington jede Türklinke. Als Vorsitzender des einflussreichen Auswärtigen Ausschusses hat er die meisten Krisenherde dieser Welt bereist, kennt die Mächtigen und war erst am vergangenen Wochenende zu Besuch im krisen- und kriegsgeschüttelten Georgien.

Er ist ein scharfzüngiger und angriffslustiger Debattenredner, der keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten von Freunden und Widersachern nimmt. Er stimmte für den Irakkrieg und auch für dessen weitere Finanzierung, wenngleich er mit der Zeit den Feldzug vehement kritisierte und sein Votum nachträglich bedauerte; im Oktober wird einer seiner beiden erwachsenen Söhne im Irak Dienst tun. Er ist mit Hillary Clinton und auch dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain gut befreundet.

Der Katholik Joe Biden wuchs als Arbeitersohn im Mittleren Westen auf, in Scranton, Pennsylvania, wo auch Hillary Clinton als Kind ihre Sommerurlaube bei ihren Großeltern verbrachte und sich die Leute, wie Obama einst unvorsichtig formulierte, in der Wirtschaftskrise an ihre Religion und ihre Gewehre "klammern". Viele Jahre erzog er seine zwei Söhne als alleinerziehender Vater, mehrere Lebenskrisen haben tiefe Narben hinterlassen. Der Jurist ist außerdem der "ärmste" Senator in Washington mit engen Verbindungen zur Gewerkschaft.

Es ist wohl diese pikante Mischung zwischen dem "kleine-Leute-Lebenslauf" und der großen außenpolitischen Erfahrung, die am Ende den Ausschlag gegeben hat. Die meisten Demokraten sind ob dieser Wahl begeistert. Sogar Hillary Clinton, die ihre Niederlage gegen Obama noch immer nicht ganz verkraftet hat und am Ende wahrscheinlich selber gerne Vize geworden wäre, wandte sich nach der Ankündigung sofort mit einer Email-Botschaft an ihre Anhänger: Mit der Entscheidung für Biden, schrieb sie, habe Obama in bester amerikanischer Tradition gehandelt und einen "außergewöhnlich starken, erfahrenen Anführer" sowie einen "hingebungsvollen Staatsdiener" ausgewählt.