Buchzensur Darf Aisha lustvoll maunzen?
In Amerika streiten Salman Rushdie, Ayaan Hirsi Ali, Muslimkritiker und Feministinnen: Der Verlag Random House hat einen seichten Historienroman über die Kindfrau des Propheten Mohammed zurückgezogen
Random House in New York gehört zum Bertelsmann-Konzern und ist einer der größten Verlage der Welt. Aus Angst vor Anschlägen radikaler Muslime hat der Verlag den Vertrag für Jewel of Medina aufgelöst, einen historischen Roman der amerikanischen Autorin Sherry Jones. Das Buch beschreibt das Leben Aishas, der Kindfrau des Propheten Mohammed. Nun steht Random House unter Beschuss von Islamkritikern, Feministinnen, Murdoch-Medien und amerikanischen Rechten – eine breite, wenngleich kuriose Front.
Als Erstes beschwerten sich konservative, pro-israelische Websites wie FrontPage Magazine oder Little Green Footballs: Der Verlag lasse sich von Terroristen in die Knie zwingen. Sie sahen den Vorgang einerseits als Beleg dafür, wie unzivilisiert Muslime seien. Andererseits dafür, was passieren könne, wenn amerikanische Unternehmen wie Random House von Ausländern wie Bertelsmann übernommen würden. Manche warfen der Autorin Sherry Jones vor, sie schreibe Kinderpornografie – Aisha war bei der Heirat erst neun Jahre alt.
Dann meldete sich Salman Rushdie zu Wort. Er selbst ist Autor bei Random House und wurde lange Zeit von muslimischen Fanatikern verfolgt, als die iranischen Mullahs wegen seiner Satanische Verse eine Fatwa gegen ihn verhängt hatten. Einer seiner Übersetzer wurde deshalb umgebracht. Rushdie sagte zur Times of London, im Fall Aisha verhänge Random House eine „Zensur aus Angst“. Dies sei ein sehr schlimmer Präzedenzfall.
Auch die holländische Abgeordnete und Muslim-Kritikerin Ayaan Hirsi Ali empörte sich über den Verlag. Seit der Ermordung Theo van Goghs steht sie unter Polizeischutz, zuletzt arbeitete sie für das neokonservative American Enterprise Institute. Der Website Investigative Project on Terrorism sagte sie, dass es gar kein Tabu sei, über die Frauen des Propheten zu schreiben. Es gebe viele Darstellungen in der muslimischen Welt, in denen Polygamie verteidigt und als fröhliche Schwesternschaft dargestellt werde.
Kurt Westergaard, der dänische Zeichner, der wegen seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung Jyllands-Posten bedroht wurde, sorgt sich ebenfalls, weil ein großer Verlag klein beigebe. „Die Fanatiker haben gewonnen, wenn wir zurückweichen“, sagte er.
Wenn man die mitstreitenden Parteien näher betrachtet, wird deutlich, dass sie alle ihr eigenes Süppchen kochen. Ans Tageslicht gebracht hatte den Konflikt Asra Nomani im Wall Street Journal, das, wie die Times of London, Rupert Murdochs News Corporation gehört. Die in Indien geborene Nomani, eine frühere Reporterin des Journal, ist Muslimin und Feministin. Sie organisierte eine Kampagne, um Moscheen frauenfreundlich zu machen, und sie war mit dem Journal-Reporter Daniel Pearl befreundet, der in Pakistan ermordet wurde. Der Vorgang zeige, schrieb sie, dass der Dialog in der muslimischen Welt von Angst beherrscht sei.
Die treibende Kraft hinter der Auflösung des Vertrags war aber kein Mullah, sondern Denise Spellberg, Professorin der Islamwissenschaft an der Universität von Austin, Texas. Sie ist keine Muslimin, gilt als Linke und Feministin und hat an der New Yorker Columbia University studiert. Spellberg hat ebenfalls ein Buch über Aisha geschrieben, ein wissenschaftliches allerdings. Deshalb hat sie der Verlag um ein paar lobende Worte für den Buchumschlag von Jewel of Medina gebeten. Sie aber fand das Buch von Sherry Jones „hässlich und dumm“. Es verdrehe heilige Geschichte in einen Softporno. Sie alarmierte nicht nur muslimische Kollegen, sondern rief ihre Lektorin bei Random House an, warnte sie vor Anschlägen und einer Bedrohung der nationalen Sicherheit. Sie drohte gar mit einer Klage, falls Jones' Buch mit ihrem Namen beworben würde.
Kaum aber wurde Spellberg von Nomani als Anstifterin zum Verbot dargestellt, ruderte sie zurück: Mit Zensur wolle sie nichts am Hut haben, sagte sie öffentlich. Sie sei durch einen Metalldetektor gegangen, nur um den unter Christen umstrittenen Film Die Letzte Versuchung Christi zu sehen. Und: Auch andere hätten den Verlag vor Anschlägen gewarnt, nicht nur sie.
Echte Empörung von echten Muslimen ist bisher ausgeblieben. Es gab nur ein paar Besprechungen, die das Buch nicht sonderlich kenntnisreich fanden. Handelt es sich bei der Kontroverse womöglich um einen Zickenkrieg, in dem muslimische Männer nur die Komparsen sind? Und: Wie gut ist das Buch eigentlich?
Bisher wurden Auszüge veröffentlicht, wie: „Ich (d. h. Aisha) fühlte den Stich des Skorpions kaum. In seinen Armen zu liegen, Haut an Haut, war die Wonne, nach der ich mein ganzes Leben verlangt hatte.“ Oder: „Unsere Körper rieben sich leicht aneinander, meine Brüste an seiner Brust, ein Aroma wie Muskat stieg von seinem Körper, mein Maunzen der Lust überraschte mich, üppig wie das Schnurren eine Katze im Sonnenlicht.“
Womöglich dämmerte es den Random-House-Chefs erst nach der Beschwerde der Fachfrau, was für einen Kitsch sie gegebenenfalls verteidigen müssten. Der Verlagssprecher Stuart Applebaum sagte dazu nur, die Entscheidung sei endgültig. Hirsi Ali glaubt, Jones werde früher oder später ein Buchvertrag angeboten, denn amerikanische Verlage seien mutiger als europäische. Nicht unbedingt: Bisher hat es keine US-Zeitung gewagt, die Mohammed-Karikaturen aus Jyllands-Posten nachzudrucken.
- Datum 21.08.2008 - 17:07 Uhr
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