Kaukasus-Krise "Europa ist zu abhängig"

Der Westen wird kaum in der Lage sein, wirtschaftlichen Druck auf Russland auszuüben, meint der Welthandelsexperte Matthias Busse

Durch diese Pipeline fließt Öl von Russland nach Deutschland. Der Rohstoffreichtum macht Moskau unabhängig - und begrenzt die Macht der Europäer

Durch diese Pipeline fließt Öl von Russland nach Deutschland. Der Rohstoffreichtum macht Moskau unabhängig - und begrenzt die Macht der Europäer

ZEIT ONLINE: Herr Busse, in Europa mehren sich die Stimmen, die einen stärkeren wirtschaftlichen Druck des Westens auf Russlands Regierung fordern. Welche Hebel hätten die Europäer an dieser Stelle?

Busse: Eigentlich keine. Auf den Rohstoffmärkten ist Europa mittlerweile enorm abhängig vom russischen Öl und Gas. Ohne die Lieferungen aus Russland blieben viele Heizungen in Europa kalt. Mit einem Boykott würde man sich nur selbst schaden. Das gilt nicht nur für bilaterale Abkommen, sondern auch für multilaterale. Jede Sanktion auf diesem Feld würde die internationalen Gas- und Ölmärkte durcheinanderwirbeln. Daran kann Europa kein Interesse haben.

ZEIT ONLINE: Sind die Russen nicht auch auf Produkte aus Europa angewiesen?

Anzeige

Busse: Natürlich könnten die Europäer gewisse Waren nicht mehr liefern. Ich bezweifele nur, dass die russischen Firmen nicht in der Lage wären, diese Produkte auch anderswo auf dem Weltmarkt zu beziehen. Auch finanziell ist Russland keineswegs mehr abhängig vom Westen. Die Volkswirtschaft schwimmt angesichts der hohen Gas- und Rohstoffpreise im Geld. Das war Ende der Neunzigerjahre noch anders, als Russland in einer schweren Finanzkrise steckte und hoch verschuldet war.

ZEIT ONLINE: Wäre es ein Druckmittel, die Aufnahme in die Welthandelsorganisation zu verzögern? Russland will schließlich in den Club der WTO-Staaten.

Busse: Ja, aber so gewaltig ist das russische Interesse auch wieder nicht. Für die wesentlichen Exportprodukte der Russen – Öl und Gas - gibt es kaum Handelsbarrieren auf den Weltmärkten. Die WTO könnte Russland allenfalls dazu dienen, die heimische Wirtschaft unabhängiger von den Rohstoffen zu machen, also Zugang zu Märkten zu erhalten, auf denen das Land bislang benachteiligt ist, weil es im Club der WTO-Staaten nicht dabei ist. Nur: Bei den jetzigen Öl- und Gaspreisen hat man im Kreml an einer solchen Diversifizierung ohnehin kaum Interesse.

Matthias Busse ist Leiter des Kompetenzbereichs Weltwirtschaft im Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Die Fragen stellte Philip Faigle.

 
Leser-Kommentare
  1. auf einen Freund?Diese Artikel implizieren, dass Russland ein Problem ist...

    • zetti
    • 26.08.2008 um 17:28 Uhr

    Tja, liebe Frau Merkel,manchmal schadet es nicht,nachzudenken. Bevor man Springt. Auf jedes "go!". Zetti

    • helgam
    • 26.08.2008 um 17:40 Uhr

    Die Menschen in Rußland können GOTT SEI DANK auch auf viel unnötigen Plunder
    der westlichen Konsumkultur ( einschließlich diverser Versicherungen)verzichten. Das macht sie im gewissen Maße unabhängig. und vielleicht auch freier.
    Zynisch finde ich die Forderung, daß wir auf Rußland mehr Druck ausüben sollten.Sind wir in die Rolle des Herrenmenschen zurückgefallen , nach deren Pfeife die großen Völker der Welt zu tanzen haben?
    Gott sei Dank sind wir sehr abhängig von Rußland- das könnten die deutschen Machthaber vielleicht noch bemerken, ehe sie ihr ja zum dritten Weltkrieg geben.

    • helgam
    • 26.08.2008 um 17:40 Uhr

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service