Vizepräsidenten haben zwei Funktionen: a) den Präsidenten zu ersetzen, von dessen Amt sie, wie das geflügelte Wort lautet, "nur einen Herzschlag entfernt sind" und b) die Wahlchancen des Kandidaten zu verbessern. Ersteres geschieht manchmal (zuletzt nach dem Kennedy-Mord 1963 und unblutig nach dem Rücktritt von Richard Nixon 1974), letzteres sehr selten.

Trotzdem glaubt jeder Kandidat, dass der Vize zusätzliche Stimmen bringt – wie seit Samstag Barack Obama, der sich Joseph Biden, den ewigen Senator (seit er 29 war) des Bundesstaates Delaware ausgesucht hat.

Auf dem Papier herrscht die perfekte Ergänzung: O. hat nicht viel Ahnung von Außen- und Sicherheitspolitik, B. ist Chef des Senatsausschusses für Auswärtiges und ein ausgewiesener Experte. O. ist jung (47), B. ist 18 Jahre älter. O. ist Mittelwesten, B. ist Ostküste. O. ist der Outsider, B. der Washington-Insider par excellence, der schon zweimal versucht hat, die Kandidatur der Demokraten zu erringen (1988 und 2008). O. tummelt sich am liebsten auf dem Hochsitz des Guten und Schönen, B. ist ein Lästermaul von Gnaden, der gern und lustvoll attackiert. Zum Beispiel auch seinen Nunmehr-Gönner Obama, dem er noch im vorigen Jahr bescheinigt hat, er sei "not yet ready" für die Präsidentschaft.

Es gibt niemanden im Senat, mit dem dieser Autor, der Biden seit einigen Jahren kennt, lieber einen Abend am Tresen verbringen würde. Der Mann ist schnell, witzige, rhetorisch hochbegabt; Er bleibt einem keinen Gag schuldig und legt noch zwei obendrauf. Und doch wird er die Wahlchancen des Barack O. nicht verbessern.

Dies besagt schon mal eine Blitzumfrage der Washington Post kurz vor der Ernennung. Wie würde die Entscheidung für Biden das Wahlverhalten beeinflussen? Überhaupt nicht, antworteten drei Viertel der Befragten. Und der Rest? Da hielten sich zwei Lager die Waage: Jene, die wegen Biden eher für Obama stimmen, und jene die deshalb gegen ihn votieren würden. Also: Plus-minus-null. Außerdem kennen drei Viertel der Amerikaner Joe Biden nicht.

Aber wie auch immer: Das zweite Problem ist Bidens Heimatstaat Delaware. Als Mindestleistung wird vom Vize-Kandidaten erwartet, dass er seinen Staat zu erobern hilft. Bloß ist Delaware ein Winzling der gerade mal für drei Stimmen im Electoral College, dem Wahlgremium, gut ist. Um zu gewinnen, braucht ein Kandidat mindestens 270 Stimmen. Deshalb ist ein Vize aus Texas so beliebt, siehe John F. Kennedy, der den Texaner Lyndon B. Johnson auserkor und Ronald Reagan, der den Beute-Texaner George H.W. Bush nahm.