US-Präsident Bush zeigte sich "zutiefst besorgt" über den jüngsten Schritt des russischen Parlaments im Georgien-Konflikt. Nach dem Einmarsch in Georgien und dem nicht vollständigen, wohl aber angekündigten Abzug seiner Truppen aus dem Kriegsgebiet hatten sich am Montag beide Kammern des russischen Parlaments für die Unabhängigkeit der abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien ausgesprochen. Damit appellieren sowohl der Föderationsrat - das Oberhaus - als auch die Staatsduma an Präsident Dmitrij Medwedjew, die separatistischen Bestrebungen beider Provinzen anzuerkennen. 

Bush rief die russische Führung dazu auf, ihren Verpflichtungen nachzukommen und die Separatisten-Regionen nicht als unabhängig anzuerkennen. Georgiens territoriale Integrität und Grenzen müssten genauso respektiert werden wie die jeder anderen Nation, sagte Bush. Russland habe im Zuge der unter französischer Vermittlung zustande gekommenen Waffenstillstandsvereinbarung dem Beginn "internationaler Diskussionen über Sicherheits- und Stabilitätsmodalitäten in Abchasien und Südossetien" zugestimmt. Eine Anerkennung der Unabhängigkeit würde diesen international unterstützten Ansatz untergraben, erklärte Bush. Die USA stünden "weiterhin an der Seite des Volkes von Georgien und ihrer Demokratie".

Derweil verschärfte der Kreml auch seinen Ton gegenüber Moldawien. Der russische Präsident Dimitrij Medwedjew warnte das Land in dessen Konflikt um die abtrünnige Region Transnistrien vor einer militärischen Lösung. Am Ende des Streits um das von Georgien wegstrebende Südossetien sei ein Krieg gestanden. "Das ist eine ernste Warnung an alle. Ich glaube, wir sollten alle anderen Konflikte in diesem Zusammenhang sehen", sagte Medwedjew bei einem Treffen mit dem moldawischen Staatschef Wladimir Woronin am Montag in Sotschi am Schwarzen Meer.

Zwischen Woronin und ihm bestehe jedoch Übereinstimmung, den Konflikt über das pro-russische Transnistrien auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Russische Truppen sind seit den frühen neunziger Jahren in Moldawien im Einsatz.

Auch außerhalb der USA stieß unterdessen das Votum des russischen Parlaments im Georgien-Konflikt auf Kritik. Die Bundesregierung verwies auf die Souveränität und territoriale Einheit Georgiens. Der französische Präsident und EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy berief für kommenden Montag, den 1. September einen EU-Sondergipfel in Brüssel ein. Die USA prüfen nach den Worten von Außenministerin Condoleezza Rice als Folge der Kaukasus-Krise weiter ihre Beziehungen zu Russland. Washington werde sicherstellen, "dass es keine neuen Trennlinien in Europa gibt", sagte Rice während ihres Flugs in den Nahen Osten am Montag. Russland müsse seinen Verpflichtungen aus dem Waffenstillstandsplan nachkommen. Bislang seien jedoch nicht alle erfüllt worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel distanzierte sich von der Forderung des russischen Parlaments. Sie sehe dies mit "großer Sorge", sagte sie in Stockholm. Nach einem Gespräch mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt erklärte sie: "Das ist gegen die internationalen Verträge." Sie erwarte, dass Medwedjew die Resolution nicht unterschreibe. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wies die russische Sichtweise im Kaukasus-Konflikt energisch zurück. "Unsere Position ist klar: Die territoriale Integrität Georgiens steht nicht zu Disposition. Eine politische Lösung der Konflikte muss auf dieser Grundlage erfolgen", sagte er dem Handelsblatt .

Nationalistische Töne prägten die Aussprache des russischen Parlaments. Die Abgeordneten bezeichneten diesen Weg als die einzige Möglichkeit, um zukünftige Aggressionen von georgischer Seite zu verhindern. Die russische Militärführung warte "mit Ungeduld" auf den Unabhängigkeits-Appell, so Vize-Generalstabschef Anatoli Nogowizyn. Er kündigte den Verbleib russischer Friedenssoldaten im Konfliktgebiet an. "Wir werden diese Mission weiter ausüben und die Lage in der Region stabilisieren", sagte der General nach Angaben der Agentur Interfax.

Im Konflikt um Südossetien, deren Bewohner Moskau als russische Staatsbürger betrachtet und als deren Schutzmacht es sich sieht, wollen Kremlchef Medwedjew und Ministerpräsident Wladimir Putin den Westen mit seinen eigenen Argumenten schlagen: So wie Washington, Paris, London und Berlin im Februar das sich für unabhängig erklärende Kosovo anerkannten, will nun Moskau den abchasischen und vor allem südossetischen Separatisten den gleichen Anspruch zugestehen. Was für Pristina gelte, könne doch Zchinwali nicht abgesprochen werden, so das Credo der Russen.