Wie Sie in der ersten Folge von Kultur für Angeber gelernt haben, ist es immer wirkungsvoll, über Dinge zu reden, von denen andere keine Ahnung haben. Wenn Sie eine Party-Gesellschaft mit Ihren Ansichten überraschen wollen, sprechen Sie also über Werke, die so neu sind, dass andere sicherlich noch nicht die Zeit gefunden haben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. (Wohlgemerkt: Sie hatten diese Zeit auch noch nicht, reden aber trotzdem drauf los.

Beginnen Sie mit Daniel Barenboim, den Namen hat in Ihren Kreisen jeder schon mal gehört. In dieser Woche ist sein Buch über die Macht der Musik erschienen. Superthema! Sie fischen sich ein paar Cracker aus der Schale und werfen beiläufig in die Runde: „Musik ist wie Familienpolitik: Alle meinen, sie könnten mitreden.“ Das Buffet ist eröffnet! Schnell nachlegen. Sie kennen sich aus: „Barenboim denkt sogar, Musik sei Politik! Als ob sich der Nahostkonflikt lösen ließe, indem man Palästinensern und Israelis die Regeln des Kontrapunkts einbläute!“ (Sie könnten jetzt vom West-Eastern-Divan-Orchestra zu Goethe kommen, aber den heben Sie sich besser auf.)

Sollte Ihr Gegenüber argumentieren, dass Barenboim doch viel zur Völkerverständigung beitrage, da er in Jerusalem Werke von Richard Wagner aufführe – bleiben Sie cool und antworten Sie: „Mag sein. Grundsätzlich sollte man den Künstler vom Werk trennen.“ Denn: „Wie sagte schon Emil Nolde: Die Kunst bleibt und ist unendlich viel mehr als das bisschen Mensch, das ich bin.“ Lächeln Sie süffisant und reiben sich die Stirn: „Obwohl, Noldes Bilder sind vielleicht genauso redundant wie seine Person.

Barenboim, Wagner, Nolde – bevor es zu konservativ wird, lockern Sie die Runde auf! Sie deuten auf eine Dame im geschmacklosen Kleid, deren sekundäre Geschlechtsmerkmale allzu sichtbar sind. „Coco Chanel würde jetzt sagen: Das Dekolleté ist jener schmale Grat, auf dem der gute Geschmack balanciert, ohne herunterzufallen.“

Riesenlacher. Nun können Sie mit Popkultur punkten. Bedauern Sie den Tod Jerry Wexlers, des großen Produzenten, der den Begriff Rhythm and Blues geprägt hat. Reden Sie in ratlose Gesichter: „Ist es nicht erstaunlich, wie sich das Bild des Musikproduzenten in der postmodernen Gesellschaft gewandelt hat? Timbaland, The Neptunes, Dangermouse, Mark Ronson – das sind die Popstars von heute!“ Wenn die Gesichter immer noch ratlos sind, klatschen Sie in die Hände: „Heitere Resignation – es gibt nichts Schöneres. Das wusste schon Marie von Ebner-Eschenbach.

Wo Sie schon bei den leichten Themen sind, verabreden Sie sich fürs Kino! Den neuen Batman wollen Sie gern sehen. Heath Ledger darf Ihnen getrost Schnuppe sein, denn: „Die Figur des Nachtgeweihten hat eine kulturhistorische Tradition!“ Werden Sie mythologisch, es wallt in Ihnen auf, Ihr Abschiedscrescendo: Die Kinder des Nyx, Hypnos und Thanatos, Shakespeares Macbeth, (jetzt kommt er:) Goethes Mephistopheles – auch Wagners (den hatten Sie schon) Tristan und Isolde. Bevor Ihr Taxi kommt, Sie den Mantel anziehen, zitieren Sie noch einmal Nietzsches Zarathustra, die alte Partygranate. Also sprechen Sie: „Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre.“ Draußen ist es das schon. Stolpern Sie nicht! Denken Sie an Schiller: „Ein guter Abgang ziert die Übung.“