Schlimmer hätte es für Barack Obama kaum kommen können. Der schwarze Präsidentschaftskandidat wusste seit Wochen,
dass seine Popularität am Sinken ist, dass sein republikanischer Gegner John McCain laut Umfragen gefährlich aufholt. Die Nominierung seines Vize-Kandidaten Joe Biden am Wochenende sollte eigentlich so etwas wie ein Befreiungsschlag werden. Stattdessen zeigte eine zum Auftakt des demokratischen Parteitages am Montag veröffentlichte Umfrage, dass der Vorsprung des charismatischen und redegewandten schwarzen Kandidaten auf Null zusammengeschmolzen ist. Erstmals liegen der Umfrage des TV-Senders CNN zufolge Obama und McCain gleichauf - schlechtes Omen für das Parteispektakel in Denver?

Vor allem die Anhänger der in den Vorwahlen unterlegenen Senatorin Hillary Clinton sind enttäuscht von Obama: 27 Prozent ihrer Anhänger drohten, am 4. November für McCain zu stimmen. Noch vor zwei Monaten hätten lediglich 16 Prozent damit gedroht, berichtete der Sender kurz vor der offiziellen Eröffnung des Parteitages. "Die Einheit der Partei ist das Hauptthema des Parteitages", schreibt die Washington Post .

Mit besonderer Spannung wird die Rede von Michelle Obama erwartet. Die Ehefrau des Kandidaten wird am Montag, 23 Uhr deutscher Zeit, zu den Delegierten sprechen. Außerdem standen Reden von Familienangehörigen und Freunden der Obamas auf der Tagesordnung. Wie US-Medien berichteten, wolle auch der schwer krebskranke Senator Edward Kennedy (74) erscheinen. Auch die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi und der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson wollten zu den Delegierten sprechen. Obamas running mate Biden tritt am Mittwoch auf. Höhepunkt des Parteitags ist die Abschlussrede Obamas am Donnerstag, mit dem er seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten offiziell annimmt.

"Bei dem Parteitag steht für Obama viel auf dem Spiel", meinte ein CNN-Kommentator. Noch vor Wochen herrschte unter Demokraten Zuversicht, ja Siegesstimmung. Nie zuvor in der jüngeren US-Geschichte war ein Präsident derart unbeliebt wie George W. Bush. Der 71-Jährige McCain sollte nach Lesart der Demokraten als "100 prozentiger Bush-Mann" dargestellt werden - manche Demokraten betrachteten den Wahlkampf bereits als Selbstläufer. Müssten Deutsche und Europäer über Obama und McCain abstimmen, ginge der 47-Jährige Senator als haushoher Sieger durchs Ziel. Doch in den USA sieht das Bild etwas anders aus.

Wahlexperten betonen, dem demokratischen Senator aus Illinois sei es immer noch nicht gelungen, sich und seine Positionen wirklich deutlich und unverwechselbar vor den Wählern zu präsentieren. Noch immer sei sein Profil vage und unscharf. Statt an hochfliegenden Reden über Wandel und "Visionen" in einem neuen Amerika seien die Menschen angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in den USA an Themen wie Benzinpreise und Jobs interessiert. "Der Parteitag ist Obamas Chance, in einfachen Sätzen zu normalen Wählern zu sprechen", hieß es in einem Kommentar der US-Ausgabe der Financial Times . "Das ist eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen darf."

Straight talk , die direkte und klare Rede, ist die neue Regieanweisung für Obama. Noch immer wirke der Harvard-Jurist Obama seltsam abgehoben, habe Probleme mit der alles entscheidenden Mittelklasse. Statt großer Auftritte vor Massenpublikum solle Obama mehr direkte Kontakte mit "einfachen Leuten", mit Arbeitern und kleinen Angestellten einplanen, mahnen Wahlstrategen - "mal ein Frühstück am Morgen, mal ein Treffen am Abend in der Bar". McCain hat solche "Begegnungen zum Anfassen" seit Monaten in seinem Programm, als großes Vorbild für solcherart Volkstümlichkeiten gilt Ex-Präsident Bill Clinton. Für Obama hingegen scheinen solche Einsätze ein Problem zu sein.

Das zweite Problem Obamas heißt Hillary Clinton. Die Regisseure des Parteitags haben der Ex-First-Lady (und ihrem Gatten Bill) eine Schlüsselrolle auf dem Parteitag zugewiesen - mit erheblichem Risiko für Obama. Hillary Clinton wird am Dienstagabend die Hauptrede halten. Der TV-Sender CNN berichtet bereits von Stimmen innerhalb der Demokraten, die vor einem ähnlichen Effekt wie beim Parteitag 2000 waren, als das Ehepaar Clinton mit ihren Auftritten dem damaligen Kandidaten Al Gore zeitweise die Schau gestohlen habe. "Zwei Abende lang stehen die Clintons in Denver im Rampenlicht", meint der Sender. Barack Obama wolle dagegen erst zum Abschluss des viertägigen Spektakels anreisen.