Jeder Wahlkampf kennt Szenen und Symbole, die wahlentscheidende Bedeutung bekamen. Meist weiß die Welt erst hinterher, welche es waren. Wenig spricht dafür, dass die Nominierung von Joe Biden zum Kandidaten für das Amt des US-Vizepräsident so ein Moment sein wird. Nicht einmal das Spektakel des Demokratischen Parteitags zu Denver dürfte, abgesehen von kurzen Sprüngen in den Umfragewerten, viel ändern.

Vor vier Jahren war es ein kurzes Nachrichten-Video, dass John Kerry schwer zusetzte. Es zeigte den Kandidaten beim Windsurfen vor Nantucket, einer Insel für Reiche und Super-Reiche, ein amerikanisches Sylt. Kerry galt ohnehin als Kandidat der verpönten Ostküsten-Elite. Ein Yale-Absolvent, ein Bostoner Blaublut, ein abgehobener Intellektueller und Multimillionär, der von den Sorgen und Nöten der einfachen Bürger nichts weiß. Wem so ein Image anhaftet, der kann durch ein einzelnes Bild Schaden nehmen. Ein Bild, das alles sagt. Ein Bild wie eine Detonation.

Barack Obama war vor Kurzem im Urlaub. Auch er wurde auf einem Surfbrett gesehen. Auch er zog sich auf ein Edel-Archipel zurück, nach Hawaii. Und auch er muss nun fürchten, dass ihm der Urlaub nachhaltig schaden wird. Nicht, weil er des Elitismus und des Snobismus überführt worden wäre. Auf Hawaii ging er immerhin zur Schule. Doch just als Obama vor einem Privatstrand surfte, da rollten russische Panzer in Georgien ein. Gewiss, er gab pflichtgemäß ein paar Statements ab. Doch die waren entweder nichtssagend oder widersprüchlich oder provinziell. Wenn Barack Obama wusste, was in Georgien die Stunde geschlagen hatte und was das für Amerika zu bedeuten hatte, so verbarg er es geschickt.

Stattdessen überließ er seinem Kontrahenten Jahn McCain Feld und Initiative, um im Moment der Krise seine ureigenen Stärken auszuspielen. Denn von Außenpolitik versteht McCain nun wirklich etwas. Eine Woche lang hatte er Gelegenheit, die amerikanische Bevölkerung daran zu erinnern. Um Details ging es nicht, nicht um die Georgien-Politik, nicht mal um die Russland-Politik - es ging darum, wen sich die Bevölkerung als Oberkommandierenden der mächtigsten Streitmacht der Welt vorstellen kann.

Diese Phase des Wahlkampfs erinnert an den Herbst 1979. Damals amtierte in Washington Jimmy Carter und war herzlich unpopulär. Die Zustimmungswerte glichen jenen George Bushs. Die Bevölkerung hatte früh entschieden, Jimmy Carter loswerden zu wollen. Doch ob sie dem unerfahrenen Ronald Reagan das Weiße Haus und damit mitten im Kalten Krieg das Oberkommando über die Streitkräfte anvertrauen würde, war ungewiss. Reagan verwandte den Wahlkampf darauf, die Bevölkerung von der eigenen Verantwortungsfähigkeit zu überzeugen.

In einer ähnlichen Lage befindet sich nun Obama. Die Bevölkerung will den Wechsel, aber noch nicht notwendig Obama. Viele mögen ihn und seine Botschaft vom Wandel. Und doch gibt es Vorbehalte: Er ist jung und unerfahren. Man grübelt, wie er wohl in Krisen reagieren würde. Obamas Wahlkampf folgt dem Muster Reagans. Er versucht, die Bevölkerung zu beruhigen und von seiner außenpolitischen Kompetenz zu überzeugen. Nur wenn ihm das gelingt, kann er den Sack zumachen und gewinnen. Um präsidentiell zu wirken, fuhr er also nach Afghanistan, in den Nahen Osten und nach Europa.