Es ist Obamas Parteitag, doch es war definitiv Hillary Clintons Abend: "Ihre Rede wird die Stimmung für Einheit oder Zwiespalt in der Partei prägen", analysierte der öffentliche Radiosender NPR noch kurz vor Beginn. Die Erwartungen waren hoch, der Begrüßungsapplaus wollte kaum enden - und Clinton übertraf sich selbst. Zumindest in den Augen von Ehemann Bill Clinton, der tonlos, aber im Fokus der Kameras "I love you, I love you, I love you" vor sich hinsagte.

"Jetzt ist es an der Zeit, uns als Partei mit einem einzigen Ziel zu vereinigen", appellierte Clinton. "Wählt Barack Obama." Ihren zahlreichen nach wie vor enttäuschten Anhängern, der "Schwesternschaft der reisenden Hosenanzüge", wie sie mit gewohnt sicherer Selbstironie formulierte, gab sie einen guten Grund, jetzt die Seiten zu wechseln: Haben Sie sich nur aufgrund der Kandidatin Clinton im Wahlkampf engagiert, oder stellvertretend für die vielen Benachteiligten dieses Landes? Die Antwort muss zwangsweise Nein heißen - und die Konsequenz ist klar: "Niemals McCain."

Immer wieder argumentierte sie, warum Barack Obama Präsident werden müsse: "Wandel muss von unten nach oben passieren, nicht umgekehrt." Doch konkrete, scharfe Angriffe auf den republikanischen Kandidaten John McCain, den sie zudem als ihren "Freund" bezeichnete, fehlten weitgehend.

Ähnlich schonend ging Mark Warner, der ehemalige Gouverneur Virginias und Hauptredner des Parteitags, mit den Republikanern um, wenn auch aus anderen Gründen. "Ich bewerbe mich auf einen Job", hatte er bereits vor seiner Ansprache gewarnt. "Also werden Teile meiner Rede nicht so viel Applaus bekommen." Warner versucht derzeit, Nachfolger des jetzt in den Ruhestand gehenden republikanischen Senator Virginias zu werden, in einem Bundesstaat, der seit 1964 durchgehend für republikanische Präsidentschaftsbewerber gestimmt hat. Dass Warner sich von daher eher versöhnlich als angriffslustig geben würde, ließ sich voraussehen. Deshalb war seine Benennung zum Grundsatzredner dieses Parteitags innerhalb der Partei durchaus umstritten. "Die Rede enthielt kein blutiges Fleisch, sondern Sojasprossen", versuchte sich ein CBS-Kommentator an einem allzu bildlichen Vergleich.