Pierre-Laurent Aimard Farben und Vögel hören
Pierre-Laurent Aimard ist einer der wichtigsten Pianisten der Gegenwart. Er war Protegé des einflussreichen Komponisten Olivier Messiaen, dem er jetzt zum 100. Geburtstag ein Album schenkt. Ein Interview
ZEIT ONLINE: Herr Aimard, Sie waren sehr jung, als Sie Olivier Messiaen und seine Frau Yvonne Loriod kennenlernten. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Pierre-Laurent Aimard: Mit zwölf Jahren kam ich in die Klavierklasse von Yvonne Loriod am Pariser Konservatorium. Schon damals faszinierte mich zeitgenössische Musik. Deshalb besuchte ich ab und zu auch Messiaens Kompositionsklasse, obwohl ich als Pianist streng genommen nicht zu seinen Schülern gehörte. Nach meinem ersten Studienjahr luden er und seine Frau mich zu einer Reise nach London ein, daran erinnere ich mich noch gut. Bei den Proms erlebte ich die britische Erstaufführung von Messiaens Oratorium La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus Christ – das war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich lernte Messiaen auch als begeisterten Vogelkundler kennen: Während der Fahrt über den Ärmelkanal beobachtete er ständig die Möwen!
ZEIT ONLINE: Auf Ihrem neuen Album Hommage à Messiaen haben Sie weniger bekannte Kompositionen zusammengestellt – die frühen Préludes pour Piano sowie Stücke aus Catalogue d’Oiseaux und Quatre Etudes de Rythme.
Aimard: Anlässlich des 100. Geburtstags von Messiaen möchte ich sein Werk in einer möglichst großen stilistischen Vielfalt präsentieren. Ich will damit nicht in erster Linie Spezialisten ansprechen. Mein Ziel ist es, ein ganz neues Publikum für sein Werk zu interessieren.
ZEIT ONLINE: Die frühen Préludes aus den zwanziger Jahren erinnern an Claude Debussy, die Etudes de Rythme von 1949/50 basieren dagegen auf einem ganz anderen Stil. Wo wird der Bruch mit der Tradition erstmals deutlich?
Aimard: Bereits in den Préludes Les Sons impalpables du rêve … und Cloches d’angoisse et larmes d’adieu spielt Messiaen mit Resonanzen und Polychromie. Das deutet auf seine späteren Klangexperimente voraus. In dem Stück Mode de valeurs et d’intensités von 1949 bediente er sich dann erstmals einer völlig neuen Sprache, die keinen Bezug mehr zur Vergangenheit hatte.
Auch der Naturalismus von Réveil d’Oiseaux und Catalogue d’Oiseaux aus den Fünfzigerjahren wirkte radikal. Mit den Vogelstimmen schuf Messiaen einen offenen Klangraum, in dem sich Unerwartetes ereignen kann. Auch in der Natur ist nicht von vornherein festgelegt, welcher Vogel wann und wie lange singt. Andere Komponisten arbeiteten in jener Zeit ebenfalls mit dem Zufallsprinzip. Messiaen hat also sehr gut verstanden, in welche Richtung die Avantgarde damals strebte.
- Datum 31.12.2008 - 11:42 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE 27.08.2008
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