"Es dauert lange, bis wir die Pferde angespannt haben", erzählen Russen gerne ausländischen Gästen, "aber wenn wir dann fahren, geht die Post ab." Da klingen meist viel Stolz und ein bisschen Bedauern über die eigene Unbeherrschtheit mit.

Russlands Führung hat seit zwei Wochen richtig Fahrt aufgenommen und scheint nicht mehr anhalten zu können. Die Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens durch Präsident Dimitrij Medwedjew wirkte auf den Westen wie ein weiterer Peitschenschlag im Vollgalopp. Russland setzt im Geschwindigkeitsrausch seiner Schussfahrt endgültig auf Konfrontation und könnte dabei die politische Rendite des militärischen Sieges verspielen.

Bisher hatte sich Russland grundsätzlich als Verteidiger des Völkerrechts und der UN und als Garant der territorialen Unantastbarkeit gegenüber einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung gegeben. Das war nicht immer aufrichtig und oft wie im Falle der jahrelangen Bemühungen der USA und Europas um eine Lösung des Kosovo-Problems ohne realistisches, konstruktives Angebot. Aber Russlands Bedenken waren ernst und respektabel.

Die damalige Kritik Moskaus an der Unabhängigkeit des Kosovo, die ein "fürchterlicher Präzedenzfall" sei und das "ganze System der internationalen Beziehungen" zerbreche, fällt nun auf Russland zurück. Medwedjew reiht sich ein bei jenen, die das viel beschriene Völkerrecht zu eigenen Gunsten biegen, bis es bricht. Die Wiederholung der Ignoranz und Verwerflichkeit anderer Staaten führt allerdings nicht zur eigenen moralischen Erhöhung, auch wenn die Propagandisten des Kremls es so darzustellen versuchen.

Bei der Diskussion über Medwedjews gestrige Entscheidung ist der Verweis auf den verbrecherischen Angriff des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili auf Südossetien so zulässig wie unerheblich. Hier geht es um Russlands strategische Ziele weit über den vorgeblichen Schutz der Südosseten hinaus.

Das nötige Verständnis für ein Russland, das nach der demütigenden Hilflosigkeit der Neunzigerjahre es nun dem Westen vermeintlich gleichtun will, macht Moskaus Politik auch nicht besser. Zumal der häufige Hinweis auf einen verständlichen Revanchewunsch in Russland den Verdacht nahelegt, hier wolle sich einer um die Verantwortung für seine Entscheidungen herumdrücken. Indem die russischen Politiker die Argumentation und das Handeln der westlichen Länder bis hin zu den Termini des "Völkermords", der "humanitären Katastrophe" und "Abwendung menschlicher Opfer" parodieren und sich über ihre Erfolge schulterklopfend freuen, wirken sie wie rachsüchtige Halbstarke.

Für die litaneihaften Vorwürfe gegenüber dem Westen, er benutze die Menschenrechte heuchlerisch als Keule für eigene Interessen und lebe in ständiger Doppelmoral, gibt es treffende Beispiele. Aber das triumphierende Grinsen steht Russland nicht: Es ist ebenso heuchlerisch, wenn Russland sich bei der Rettung der südossetischen Menschen, die Moskau in 15 Jahren keinen ernsthaften Friedensvorstoß wert waren, vor allem auf die Verhinderung einer Nato-Mitgliedschaft und die Absetzung Saakaschwilis konzentriert. Die heimische Doppelmoral besteht darin, dass der georgische Raketenbeschuss der südossetischen Hauptstadt Zchinwali angeklagt wird, während die Flächenbombardierungen Grosnyjs im zweiten Tschetschenienkrieg offensichtlich als lässliches Mittel zur Rückeroberung einer separatistischen Republik gelten. Während eine staatsanwaltschaftliche Sonderbrigade aus Russland Südossetien nach Beweisen für georgischen Völkermord durchkämmt, blieben viele Massaker und Verbrechen des Tschetschenienkriegs ohne Untersuchung und ungesühnt. Wenn es Russland zudem tatsächlich um ein internationales Verfahren ginge, hätte es sich von Anfang an um eine internationale Untersuchung bemühen müssen. Vertrauen schafft das alles nicht.

Das russische Kalkül mag vorerst aufgehen: Die Nato-Perspektive Georgiens wird aufgeschoben, der Kaukasus gerät erneut zur politisch-militärischen Einflusszone, und manche Nachbarstaaten werden sich künftig gut überlegen, ob sie über ihre internationalen Belange noch eigenständig befinden. Doch die Folgen der schnellen Entscheidung Medwedjews, die vor allem Russlands Fähigkeit zum harten Handeln demonstrieren sollte, können auch fatal werden: Mit der einseitigen Anerkennung der Unabhängigkeit durch Russland und womöglich eine Handvoll kleiner Staaten wie Weißrussland, Kuba oder Venezuela kommt der Südkaukasus einer Stabilisierung nicht näher.

Die USA konnten für das Kosovo immerhin bedeutende Staaten auf ihre Seite ziehen. Russland zementiert auf lange Zeit die Feindschaft mit den Georgiern, die einst eines ihrer engsten Freundesvölker waren, und forciert die Nato-Sehnsucht in Tiflis. Für alle Handlungen der Republikfürsten in Südossetien und Abchasien, die nicht immer zu kontrollieren sind, steht künftig Russland ein. Die beiden Republiken haben ihren Preis: Vor allem im armen Südossetien muss Russland auf Kosten seiner Staatsbürger eine für dunkle Geschäfte berüchtigte Führungsclique finanzieren.

Der außenpolitische Ansehensverlust ist enorm und dürfte lange vorhalten. Medwedjew, auf dessen liberalere Überzeugungen der Westen hoffte, ist entzaubert. Zwar mag die Hoffnung naiv untersetzt gewesen sein, da ein neuer russischer Herrscher am besten mit geballter Faust Popularität im eigenen Land erreichen kann. Aber der Krieg mit Georgien hat das Putin'sche Machtsystem konsolidiert und damit Medwedjews kleine Spielräume, falls er sie je nutzen will, weiter eingeengt.

Zwei entwertete Parlamente, deren Abgeordnete als Stimmsklaven auftreten, eine abgetauchte Gesellschaftskammer und eine bedrängte und ermattete Zivilgesellschaft kennzeichnen das nun gestärkte Siegerregime. Es basiert auf der Disziplinierung der Menschen durch eine fortwährende Feindbildpflege in den propagandistischen großen Medien, dem Kontrollwahn der Staatsdienste und einer abhängigen Justiz. Die außenpolitische Konfrontation führt dazu, dass sich das System weiter verschließt. Staat und Wirtschaft bleiben in latenter Mobilisierung, anstatt sich der notwendigen Modernisierung zu öffnen. So könnte letztlich auch Russland zum Opfer des militärischen Erfolgstaumels werden.