Mittwoch ist nun endlich Wahltag und die rund 4400 Delegierten sollen am Nachmittag ihren Präsidentschaftskandidaten nominieren. Immer noch stehen zwei Senatoren zur Wahl: Barack Obama und Hillary Clinton. Und bis zuletzt wird darüber gestritten, ob Clinton nicht hätte verzichten sollen. Einige legen die Stirn in Sorgenfalten: Wie werden Hillarys Delegierte abstimmen? Wird sie am Ende mehr als nur einen Achtungserfolg erringen? Brechen dann wieder die Zweifel am Zusammenhalt der Demokraten auf – trotz aller Einheitsappelle?

Als erstes verkündet der Bundesstaat Alabama sein Ergebnis: 58 Stimmen für Obama, 5 für Clinton. Doch im bevölkerungsreichen Massachusetts liegt Obama nur um wenige Delegiertenstimmen vorne: 65 zu 52. Einzelne Pfiffe werden laut. Doch die Parteitagsstrategen haben alles in fester Hand, bis zur letzten Sekunde haben sie hinter den Kulissen die Fäden gezogen. Der Staat Arkansas, der den Clintons zu Füßen liegt, weil Bill dort zur Welt kam und zweimal Gouverneur war, gibt bekannt: Alle Stimmen für Barack Obama. New Hampshire, wo Hillary Clinton nach der krachenden Niederlage in Iowa ihren ersten und psychologisch so wichtigen Vorwahlsieg einholte, zieht nach.

Die Spannung steigt, als New York aufgerufen wird. Hillary Clinton ist Senatorin dieses Bundesstaates. Die Inszenierung ist vollkommen. Zunächst bricht Jubel aus, einzelne Hillary-Rufe erklingen, Kameraleute hetzen zu den Delegierten vom Big Apple. Plötzlich steht Hillary Clinton im Scheinwerferlicht und ergreift das Mikrofon: "Wir müssen unsere Augen klar auf die Zukunft richten," sagt sie und bittet um die Änderung der Geschäftsordnung. Keine Abstimmung mehr über sie oder Obama, sondern die Delegierten sollen den Gewinner der Vorwahlen einstimmig und per Akklamation wählen. Gewaltiger Applaus brandet auf und droht die Halle aus den Angeln zu heben. Tausende schreien "Ja". Barack Obama ist gewählt, so schnell kann das gehen.

Beide Lager, die Obamas und die Clintons, sind in den vergangenen Tagen aufeinander zugegangen. Nicht unbedingt aus vollem Herzen, sondern weil der Verstand es ihnen diktierte. Sie brauchen einander für ihre politischen Karrieren, ihre Schicksale sind seit der dramatischen Vorwahl eng miteinander verwoben: Barack will Präsident werden und Hillary zumindest Senatorin von New York bleiben. Die Wähler und die Partei hätten ihnen ein weiteres Gezerre nicht nachgesehen. Clinton hat sich um ihrer eigenen Zukunft willen zurückgenommen – und wird nun ewig als Heldin von Denver in Erinnerung bleiben. Das ist hilfreich, für alles, was noch kommen mag. Als die Rocksängerin Melissa Etheridge in der Pepsi-Halle "God bless America" anstimmt, liegen sich Tausende von Demokraten in den Armen und vergessen ihren Streit. Jedenfalls für diesen Augenblick.

Wer jetzt immer noch meint, die Clintons hätten nicht ihr Möglichstes getan, wird am Abend eines Besseren belehrt. Bill Clinton, umweht von einem Heer blau-weiß-roter Fahnen und umtost von einem nicht enden wollenden Jubel, spricht mit der Autorität eines ehemaligen Präsidenten, der seinem Land in den Neunzigerjahren Frieden und Wohlstand bescherte, jene Worte aus, auf die alle sehnsüchtig gewartet haben: "Barack Obama," sagt er, "is ready to be President of the United States." Barack Obama ist bereit und fähig, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

Und mehr noch: Barack Obama besitze auch alle Fähigkeiten zum Oberbefehlshaber. Bill Clinton erinnert die Delegierten und Millionen Fernsehzuschauer an seinen eigenen Wahlkampf 1992, als ihm ebenfalls von den Republikanern vorgeworfen wurde, er sei zu jung und zu unerfahren für das verantwortungsvollste Amt der Welt. Und dann spricht er einen Satz, den die Obama-Kampagne in Stein meißeln wird: Überall auf der Welt seien die Menschen stets weitaus beeindruckter gewesen von der "Kraft unseres Beispiels" als vom "Beispiel unserer Kraft". Mehr als ein Dutzend Mal lobt Clinton den schwarzen Präsidentschaftskandidaten, vor allem für die Wahl von John Biden als Vizepräsident. Bis ins Detail begründet Clinton, warum er dem Team Obama/Biden vertraue und bittet die 18 Millionen Wähler seiner Frau, am 4. November für den Afroamerikaner zu stimmen. Mehr kann man sich nicht ins Zeug legen.

Die letzte Rede des Abends hält Joe Biden. Als er endet, kommt seine Frau Jill auf die Bühne und sagt, es komme gleich ein Überraschungsgast. "Wer denn?", fragt Biden. Die etwa 5000 Leute in der Pepsi-Halle springen plötzlich auf und schreien sich vor Begeisterung die Kehle aus dem Leib. Barack Obama ist erschienen, der eigentlich erst zum großen Finale am Donnerstag erwartet wird. Er herzt seinen Vize und findet warme Worte für die Partei und die Clintons. "Ich habe gehört," sagt er, "Hillary hat gestern die Halle zum Toben gebracht." Hillary und Bill lachen, die Band spielt "We are family", und in diesem Moment glauben die Demokraten in Denver wirklich, das nichts und niemand ihren Sieg am 4. November vereiteln kann. Die Regisseure des Parteitags können an diesem Abend ruhig schlafen gehen.