Das Leben eine Zelllinie verläuft gemeinhin ziemlich eindimensional: Den Anfang macht zunächst eine Stammzelle, in der noch großes Potenzial schlummert; aus ihr können sich im Prinzip alle Arten von Gewebe entwickeln. Ihre Nachkommen dagegen bergen schon weit weniger Talent, sie können nur noch einige wenige Zelltypen bilden. Am Ende dieses Werdegangs stehen schließlich hochspezialisierte Gewebezellen, die im Wesentlichen nur noch eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Zum Beispiel: Verdauungssaft produzieren.

Dass dieser Weg umkehrbar ist, weiß die Stammzellforschung zwar längst. Dass vollkommen ausgeformte Zellen sich aber auch gezielt und unmittelbar ineinander verwandeln lassen, haben Wissenschaftler des Bostoner Harvard Stem Cell Institutes nun erstmalig zeigen können. Aus Bauchspeicheldrüsenzellen, die normalerweise Enzyme für die Verdauung herstellen, konnten Doug Melton und sein Team in lebenden Mäusen insulinproduzierende Inselzellen gewinnen.

Für die regenerative Medizin bedeutet das vermutlich einen enormen Fortschritt. Denn wer erwachsene Zellen in andere Arten erwachsener Zellen verwandeln wollte, musste bisher weite Wege gehen – die immer auch über die Gewinnung von embryonalen Stammzellen führten.

Aus fertigem Gewebe lassen sich Stammzellen aber derzeit nur auf zweierlei Weise gewinnen: durch Klonen, oder über sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Aus diesen Stammzellen müssen hernach zudem die eigentlich erwünschten Zellen gebildet werden, und das ist für viele Arten von Gewebe bislang noch nicht möglich.

Wie die neue Studie aus Harvard jetzt aber zeigt, muss der Umweg gar nicht sein. Die Forscher wendeten für ihre "direkte Reprogrammierung" eine ähnliche Technik wie bei den iPS-Zellen an: Sie schleusten bestimmte Faktoren an Bord eines Virus in die Zellen und schalteten so das genetische Programm der Zellen um. Und siehe da: Die neu gewonnenen Insulin-Fabriken ähnelten ihren natürlichen Pendants in Gestalt und Funktion nahezu perfekt.

Insulin senkt den Blutzucker und ist entscheidend für die Entstehung – und die Behandlung – von Diabetes. Betroffene produzieren meist zu wenig von dem Hormon und sind ein Leben lang auf eine Versorgung per Spritze angewiesen. Die neue Studie weckt daher große Hoffnungen: Rein theoretisch ließen sich auch bei Zuckerkranken Zellen in Inselzellen verwandeln. Die Krankheit würde somit endlich heilbar.