In Denver war die Angst der Delegierten fast mit den Händen greifbar. Nach den desaströsen acht Jahren von George W. Bush hätte man eigentlich Selbstgewissheit und Angriffslust erwartet. Stattdessen galt: Angst essen Seele auf. Die Demokraten waren durch den endlosen Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama tief gespalten. Zudem waren die Umfragen wenig positiv, denn John McCain hatte den Vorsprung von Obama aufgeholt und ihn in manchen Umfragen sogar überholt. Zu allem Überfluss drohte dann auch noch die Georgienkrise, die Wahlchancen des Republikaners zu verbessern.

Obamas Nominierungsrede übertraf dann aber alle Erwartungen. Am Ende dieser 45 Minuten waren selbst konservative Beobachter von der Kraft der Persönlichkeit des schwarzen Senators und seiner außergewöhnlichen Rede tief beeindruckt. Der Visionär war zum Politiker geworden, ohne dabei auch nur ein Jota von seinem Charisma einzubüßen. Es war ihm mit diesem brillanten Auftritt endgültig gelungen, die Partei geschlossen hinter sich zu versammeln und jedweden Zweifel an seiner Befähigung für das Amt des amerikanischen Präsidenten auszuräumen.

Dennoch spricht vieles dafür, dass es am Wahltag knapp ausgehen wird, vielleicht sogar sehr knapp. Die Kandidaten liegen in den Umfragen Kopf an Kopf, und bei einer solchen Lage kann jedes Ereignis den entscheidenden Ausschlag geben.

Der Krieg in Georgien: Hier gilt eindeutig Vorteil McCain, weil er und seine Partei für eine Politik der militärischen Stärke stehen. Allerdings bleibt es eine offene Frage, wieweit sich die Wähler durch die Krise im Kaukasus und die Konfrontation mit Moskau überhaupt beeindrucken lassen. Für die Wähler steht die Wirtschaftskrise im Mittelpunkt.

Zudem werden sich die Demokraten die jahrelangen Intimitäten zwischen Präsident Bush und Wladimir Putin nicht entgehen lassen. Obama wird, wie McCain, eine harte Linie in der Georgienkrise einschlagen – bis zum Wahltag. Was danach die amerikanische Politik sein wird, ist angesichts der fast nicht vorhandenen westlichen Optionen im Kaukasus bei beiden Kandidaten eine ganz andere Frage.

Hurrikan Gustav: Möglicher Vorteil Obama. Die Erinnerung an das katastrophale Versagen der Regierung Bush beim Hurrikan Katrina wird dadurch wieder aufgefrischt. Die Regierung Bush wird diesmal allerdings entschlossener handeln, und Obama wird achtgeben müssen, dass er seine eigene Rolle klar definiert. Wenn die Regierung handelt, ist es für die Opposition nicht leicht, erkennbar zu bleiben; siehe die Elbeflut im Bundestagswahlkampf 2002.