Literatur Mit Krieg lässt sich Geld machen
Edo Popović ist eine der interessantesten literarischen Stimmen Kroatiens. Als Reporter berichtete er aus dem Balkankrieg. Heute ist er Schrifsteller. Sein neuer Roman "Kalda" ist nun auf Deutsch erschienen. Ein Interview
Edo PopovićKaldaBelletristikKroatischAlida BremerVoland & QuistLeipzig200828421,90„Ich wurde geboren, das ist alles, was man über den Anfang sagen kann.“ – so lernen wir ihn kennen, Ivan Kalda, den Helden aus Edo Popović’ neuem Roman „Kalda“. Es sind die sechziger Jahre in Zagreb. Hier wächst Ivan auf, umringt von Außenseitern der sozialistischen Gesellschaft. Seine Familie ist zerrüttet, vor Frauen hat er Angst; als er sich einen Fotoapparat kauft, verändert das sein Leben. Als Kriegsfotograf zieht er durch Jugoslawien, später landet er beim Psychiater, inzwischen hat er selbst ein Kind und eine geschiedene Frau. Popović erzählt diese Geschichte ohne Wehmut, mit Witz und Leichtigkeit. Es ist ein kraftvoller Roman vom Aufwachsen im Sozialismus, vom Krieg und dem Leben in Nachkriegskroatien. Ein Interview mit dem Schriftsteller.
ZEIT ONLINE: Herr Popović, welche deutschen Schriftsteller kennen Sie?
Edo Popović: Ich lese immer wieder die Bücher von Jörg Fauser, Peter Paul Zahl, Jürgen Theobaldy, Franz Dobler und Detlef Meyer. Clemens Meyer ist der neueste, den ich gelesen habe.
ZEIT ONLINE: Umgekehrt kennen wir hierzulande nur wenige kroatische Autoren. Vielleicht eine Handvoll. Woran liegt das?
Popović: Unsere Literatur ist nicht so groß wie die Russische zum Beispiel. Wir haben auch keine Namen wie Tolstoi oder Dostojewski, sodass ihr Deutschen alle verrückt nach uns wärt. Schlecht für euch, denn während ihr verschiedenen amerikanischen und russischen Müll übersetzt, entgehen euch sehr gute Autoren aus Kroatien und anderen kleineren Ländern. Aber das ist eine langweilige David-und-Goliath-Geschichte.
ZEIT ONLINE: Ein paar kennen wir ja auch.
Popović: Ja, durch den Krieg in Bosnien und Kroatien interessierte sich das westliche Publikum plötzlich nicht nur für die Kriegsverbrecher, sondern auch für Schriftsteller aus der Gegend. Die Bücher von Dubravka Ugresic, Slavenka Drakulic und später Miljenko Jergovic und einer Menge anderer bosnischer, serbischer und kroatischer kamen nach Deutschland in dieser „Kriegswelle“. Gar nicht zu sprechen von denen, die sich wichtig machten mit pathetischen, schwarz-weißen, aber politisch korrekten Geschichten vom Ex-Jugoslawien. Diese Geschichten eben, die das durchschnittliche Westlerohr hören wollte.
ZEIT ONLINE: Also ist der Krieg das Hauptmotiv der meisten Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien?
Popović: Der Krieg wurde ein dominantes Thema vieler Autoren, das ist vollkommen verständlich. Manche haben bemerkt, dass sich damit auch Geld machen lässt. Andere haben sich dem verweigert.
ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?
Popović: Velibor Čolić, er lebt in Frankeich, hat zwei Bände veröffentlicht mit Geschichten über den Krieg. Riesenjubel, hohe Taschenbuchauflage und dieses Zeug. Als sein Verleger ihn bat, ein drittes darüber zu schreiben, hat Čolić gesagt, er schreibe nicht für den Markt. Jetzt hat er einen anderen Verleger und schreibt fantastische Bücher über Verrückte, Jazzmusiker, Taschendiebe, Engel und Ähnliches.
ZEIT ONLINE: Was ist mit Ihnen?
Popović: Der Krieg ist kein Schlüssel, um meine Prosa zu verstehen.
ZEIT ONLINE: Was wäre denn einer?
Popović: Es gibt keinen Universalschlüssel. Jedes Buch ist einzigartig, wie jeder Mensch, jedes Eichhörnchen, jeder Schluck Tee. Literatur kommt aus dem Leben – aus Orten, in denen man gelebt hat, Jobs, die man gemacht hat, Bücher, die man gelesen hat. Filme, Musik, Freunde, Krankheiten, Liebe. Kalda ist kein Buch über den Krieg, genauso wenig wie Ausfahrt Zagreb Süd. In Kalda erzählen wenige Kapitel davon. Wenn man es nur durch die Kriegsbrille betrachtet, entgeht einem das Ganze.
ZEIT ONLINE: Kalda ist auch ein Roman über die Liebe. Es zeigt Beziehungen, die immer in Chaos und Enttäuschung enden.
Popović: Das stimmt nicht. Die Beziehung von Ivan und Tamara ist sehr zärtlich, voller Verständnis, obwohl sie offensichtlich nicht mehr zusammen sind. Zwischen Ivan und der Prostituierten Zora ist es ähnlich. Zora verweigert ihm nur ihre Dienste. Dass Ivan wütend wird, ist verständlich. Wie würden Sie sich fühlen, wenn eine Prostituierte nicht ihren Job tut? Oder Ihr Zahnarzt? Oder Psychiater?
ZEIT ONLINE: Trotzdem ist Ivan unzufrieden und will sein Leben vergessen.
Popović: So würde ich das nicht sagen. Er möchte nur damit klarkommen. Jeder von uns bekommt Ohrfeigen vom Leben, da muss man in der Spur bleiben. Ein Kritiker schrieb, Ivan sei ein Mann, der mehr sieht, als er will. Genau das ist es! Wie auch immer: Wenn ich ihn mit einem Satz beschreiben müsste, würde ich gern den Zen-Meister Sawaki zitieren.
ZEIT ONLINE: Tun Sie’s!
Popović: Er würde sagen, Ivan Kalda ist ein Suchender in einer Welt, in der es nichts zu finden gibt.
ZEIT ONLINE: Das klingt sehr pessimistisch. Fast nach Beckett und Camus. Er lebt ohne Sinn und akzeptiert es. Oder?
Popović: Hier würde ich teilweise zustimmen. Ivan möchte leben, er liebt das Leben. Dieser Franzose würde sagen, er liebe das Leben so sehr, eher würde er sterben, statt es zu verschwenden. Er ist wie ein antiker Weiser und fühlt, dass Dinge nicht gut oder schlecht sind, sondern Zeichen von demjenigen, der in verschiedenen Kulturen verschiedene Namen trägt.
ZEIT ONLINE: Gott?
Popović: Ja, manche nennen ihn so. Aber ich mag diejenigen lieber, die ihn Tao nennen. Oder ihm überhaupt keinen Namen geben.
ZEIT ONLINE: Sie schreiben: "Wenn unsere Helden schon so kaputt sind, wie steht es dann erst mit uns, die wir sie bewunderten?" Hat man in Kroatien keine Vorbilder mehr?
Popović: Doch natürlich. Besonders, wenn korrupte Politiker, Diebe, Kriegsgewinnler und Kriminelle dazu taugen.
Die Fragen stellte David Hugendick.
- Datum 01.09.2008 - 09:50 Uhr
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Natürlich-in Amerika ist alles gut, was ein Geschäft macht- Geld in Bewegung bringt. Das habe ich bei der Heinrich -Boell-Gesellschaft von einer Amerikanerin gehört. Da ist Krebs -als Krankheit -gut, ein Geschäft-(das war mMtte der 90er Jahre in Weimar)
Krieg ist gut für viele Geschäfte, natürlich für Fabrikation von verschiedensten Meldungen und Auslegungen in unsern Medien, für die Produktion von Prothesen, Waffen, sogenannten humanitären Leistungen und andere neuere Subsitute in die sogenannten (meist vom Westen provozierten Krisengebiete), im Inland für die Umwandlung der öffentlichen Güter in Privateigentum, für einen immensen und subtilen Aufwand an Zerstörungsmechanismen (letztendlich in justiziabler Form) in der Gesellschaft,
für Überwachung und Unterwürfigkeit in Vollendung, für unreflektierte Anpassung der einzelnen, sich autonom gebenden........................Eine freie Gesellschaft sind wir noch nicht,dafür haben die Medien ihren Kriegsbeitrag geliefert und sind staatlich honoriert worden weil es eine Form des geldmachens geworden ist.
Danke an die Zeit für diesen Beitrag
Hallo Herr Popovic,
jeder weiß es, das Krieg=Geld ist. Das Krieg unheimliches Leid bedeutet. Die Mächtigen der Welt führen ja genau deshalb Kriege, weil sie dadurch noch reicher werden.
Schön wäre es, wenn Sie die Einnahmen, die Sie durch Ihr Buch erzielen in Hilfsorganisationen einbrächten. Ansonsten machen Sie auch Geld mit dem Krieg.
Ich wünsche alles Gute und viel Erfolg.
talkletts
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