Lernen Wenn Üben glücklich machtSeite 2/2

Diese Einheit zerbrach im 19. Jahrhundert. Das Variieren wurde schwächer und schwächer, bis es aus dem Üben ganz verschwand und nur noch als Fehler zurückblieb. Üben wurde aufs Wiederholen beschränkt und strikt aufs richtige Ausführen des vorher eindeutig Definierten ausgerichtet. Heiner Klug zeigt das an der Rolle der neuen Übungswerke, sogenannter Klavierschulen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Markt kamen. Aus Vorlagen, die man bisher variiert hatte, wurden nun zwingende Vorschriften. Damit ließ sich die Zeit, die bis dahin für einen Lehrer nötig schien, um den Faktor sechs vermindern. Der Lehrer war nun weniger als Künstler und Meister denn als Unterrichtsfunktionär gefragt. Die neuen Übungsstücke wurden bereits in einem italienischen Text von 1826 als „komponiert für technische Schwierigkeiten“ bezeichnet. Es wurde bemängelt, dass unter dem Druck zum technisch richtigen das schöne Spiel leide.

Am Wandel der Musikerziehung zeigt sich, was die Rationalisierungen der Industriegesellschaft dem Üben genommen haben, nämlich das, was zum vollständigen Üben gehört: Es ist Arbeit am Material, das geformt werden soll, egal ob es sich um Töne der Musiker oder um den Ton des Töpfers handelt. Dabei kommt ein Dialog mit den Sachen auf, die Widerstand leisten. Es ist kein maschinelles Ausführen. Dazu werden Werkzeuge oder Instrumente gebraucht.

Sie zu beherrschen ist eine Erweiterung des eigenen Körpers. 10.000 Stunden, so zeigen übereinstimmend Hirnforscher und andere Wissenschaftler, braucht man, um eine Sache gut zu können. Auf diesem langen Weg braucht man Vorbilder. Anfänger suchen Meister. Die Meister haben ihren Eigensinn, sie machen es auf ihre Weise und sie haben das Üben keineswegs hinter sich. Es geht darum, etwas zu üben und sich zu üben . Immer arbeitet der Übende auch am Verhältnis zu sich selbst.

Soll nun aber der kürzeste und schnellste Weg zwischen der längst geschriebenen Note und dem bloß zu beherrschenden Instrument gefunden werden, sind Umwege zu vermeiden. Der Übende stört eigentlich nur. Durch Üben, Üben und noch mal Üben soll er sich dünne machen. Die Arbeitshaltung des Industriezeitalters setzte Technik an die erste Stelle und entwertete das Subjekt. „Der Sinn der Übung als Selbstzweck wurde ersetzt durch den neuen der vorbereitenden Übung“, fasst Klug seine Studie zusammen.

Das krumme Holz , das der Mensch nach Immanuel Kant nun mal ist, sollte beim Üben gerade gehobelt werden. Man könnte sagen, das sei in den letzten 150 Jahren fast gelungen. Das hat auch positive Seiten. Wenn fast alle repetitiven Arbeiten so standardisiert und automatisiert sind, dass sie von Maschinen übernommen werden können, dann könnten allerdings gute Zeiten für den Flow anbrechen. Man muss also einen besseren Umgang mit dem krummen Holz üben. Wie lässt sich aus der spezifischen Krümmung eines jeden sein Eigensinn bilden? Das wird dann nach diesem Intermezzo mit der Musik der Abschluss der Sommermeditation zur Rehabilitierung des Übens.

 
Leser-Kommentare
    • fönix
    • 30.08.2008 um 14:34 Uhr

    Musikindustrie mit Betonung auf "Industrie"! Egal ob E oder U. Und woran sich die Industrie im allgemeinen so orientiert, lässt sich am Beispiel der Weltmeere, die bald leergefischt sind, deutlich erkennen.Womit ich nicht sagen will, dass früher alles besser war. Ausgebeutet wurde immer. Aber die Studiobosse waren oft ehemalige Musiker und hatten wenigstens eine Ahnung von der Materie. Nämlich, dass sich nicht genau vorhersagen lässt, was sich zukünftig gut verkaufen wird. Da wurde auch auf Verdacht produziert. Da hatte Unerwartetes plötzlich Erfolg. Oder manches Nicht-Kommerzielle verkauft sich ausreichend, ohne Marketing, von selbst.Heute sitzen da die Yuppies und die wissen angeblich schon im vorhinein, was floppen wird. Das wird gar nicht mehr produziert. Das kommt gar nicht mehr ins Radio. Da kommt es erst gar nicht zu einem Wettbewerb - und damit meine ich nicht die Castingshows und ähnliches.  Der Konsument lernt die überraschend vielen Leute, die "üben" und die ihm vielleicht sogar gefallen würden, gar nicht mehr kennen.

  1. Zum Üben brauche ich also auf keinen Fall Druck sondern eine SOG-Wirkung, die auch die Persönlichkeit emporzieht und wachsen lässt. Das ist im Grunde das Prinzip der neuen Ich-kann-Schule im Gegensatz zur üblichen Du-musst-Schule, in der mit Üben die Persönlichkeit erdrückt wird. Gerade beim Musikmachen wird klar, dass Leben - und Üben - Schwingung ist. Wenn ich mir die Schwingung am Beispiel der Vitalfunktionen dort anschaue, wo heute geübt wird, müsste ich manchmal den Notarzt rufen. "Das Herz schlägt nicht nach dem Lehrplan" fängt das Musikkapitel der IKS an, wir aber missbrauchen Üben, das Herz dazu zu zwingen. Wer nicht lernen will, produziert Lerngelegenheiten in Form von Schwierigkeiten. Alles Üben wird im Gedächtnis in der Qualität gespeichert, die es IM GEISTE hat. Da ist es kein Wunder, wenn nach ein paar Wochen das Gedächtnis von Qual überquillt, dass für die Lust zum Üben kein Platz mehr bleibt. Es ist die päd. Qualität, mit der wir die Chancen des Übens nutzen oder vernichten. Ich grüße freundlich.Franz Josef Neffe, DCI

  2. Danke, Herr Kahl, für diesen Beitrag. Endlich der i-Punkt für meine lange Suche. Das hilft mir, meinen Schachschülern beim Training=Üben noch besser zu motivieren. "Üben als Passion" wird das Motto für unserer Saison 2008/09.  

    • M.W.
    • 21.10.2008 um 17:57 Uhr

    Ich danke Ihnen für diesen Beitrag, wunderschön! Ich selbst bin Musiker und habe in meine ganzen Leben fast nie geübt – sondern immer gespielt. Wie schön es doch ist zu erfahren, dass auch das Üben eigentlich genau das meint, was ich selbst unter spielen verstehe, und dass ich nicht allein mit der Meinung bin, dass das pure fehlerlose Beherrschen eines Instruments niemals das Ziel musikalischer Bildung sein sollte.

    Ich fürchte aber, dass zu viele diese Ansicht nicht teilen.

  3. Endlich gibt es mal einen Beitrag zur Psychologie des Übens.
    Von Anfang an fiel mir das Klavierspiel schwer, weil ich immer das üben musste, was ich nicht wollte und ich musste dazu auch noch jede Woche Fortschritte zeigen. Dass ich mein Üben spielerisch gestalten kann, hat man mir erst 11 Jahre später beim Orgelunterricht erklärt, womit ich zunächst überfordert war. Zuhause wurde ich hier und da einmal getadelt, wenn ich mich aus Drill immer und immer wieder verspielt habe. Das hat sich so eingebrannt, dass ich heute immer noch Unsicherheit bei Verspielern empfinde, die mich fast völlig demotivieren können. Dennoch übe ich am Klavier viel mehr kreativ, wenn man es so sagen kann. Ich übe die technisch schweren Stellen, indem ich sie verlangsame, vereinfache oder die Konturen umspiele und dabei jedes Mal wieder neue Klänge und Interpretationsmöglichkeiten entdecken. Mit der Zeit versuche ich dann das Üben/Spielen auf das tatsächlich Geschriebene zu fixieren. Oder ich fange generell mit einem Teil an, der mir besonders gut gefällt, auch wenn es mittendrin ist. Mit der Zeit bekomme ich automtisch Interesse an den übrigen Teilen des Stückes und spiele sie zunehmend mit bis ich das Stück kann. Ganz abgewöhnt habe ich mir das 100%ige Spiel 1:1 wie es in den Noten steht. So nutze ich z.B. bei barocken Klavierwerken, die ja oftmals für Cembalo gedacht waren, häufig das Pedal mit, weil es mir einfach besser gefällt und ich damit ausdrucksstärker und sicherer spielen kann.

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