Die Götter meinen es an diesem Tag besonders gut mit Barack Obama. Ist der schwarze Präsidentschaftskandidat vielleicht doch ihr irdischer Vertreter? Das Wetter und die Inszenierung des großen Finals auf dem Konvent der Demokraten in Denver legen diesen Verdacht nahe. Über dem gewaltigen Fußballstadion wölbt sich ein wolkenloser blauer Himmel. Die Sonne wärmt die etwa 80.000 Menschen mit angenehmen 28 Grad. Als sie allmählich untergeht, hüllen ihre letzten Strahlen die tempelartige Bühne in ein goldenes Licht. Im Volksmund heißen diese Aufbauten bereits Obama-Olymp. Es ist außerdem ein geschichtsträchtiger Tag. Vor exakt 45 Jahren hielt der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington vor Zehntausenden von Menschen seine berühmte " I have a dream "-Rede. Kings Sohn verkündet jetzt in Denver, mit der Nominierung Obamas gehe ein Teil dieses Traums in Erfüllung.

Es ist eine Veranstaltung der Superlative. Noch nie zuvor sind so viele Menschen zur Krönungsmesse einer Partei gekommen. Noch nie scharte sich so viel Prominenz um einen Präsidentschaftskandidaten. Der todkranke Ted Kennedy kam eigens angereist, und die Clintons haben in beeindruckender Weise ihre Solidarität bekundet. An diesem Donnerstag spricht die Enkelin des legendären Republikaner-Präsidenten Dwight D. Eisenhower und ebenso der Nobelpreisträger und ehemalige Vizepräsident Al Gore. Sheryl Crow und Stevie Wonder singen, Rapper Will-i-am und John Legend tragen ihre inzwischen berühmt gewordene Hommage an Barack Obama " Yes we can " vor. Zwei Dutzend Generäle und Admirale salutieren. Und am Ende schießt ein Feuerwerk Hunderte von roten, weißen und blauen Sternen in den Nachthimmel.

Diese Gigantomanie irritiert und beängstigt ein wenig. Obamas Kampagnenmanager müssen sehr zuversichtlich sein – oder sie konnten nicht mehr zurück, weil die Vorbereitungen bereits zu weit gediehen waren. Denn Obamas Auftritt vor der Berliner Siegessäule mit 200.000 jubelnden Zuhörern haben die Republikaner sofort für einen negativen Wahlkampfspot ausgenutzt: Obama, der abgehobene Showstar vom Schlage Paris Hilton und Britney Spears!

Ja, der Wahlparteitag in Denver war eine perfekte Show. Aber sie zeugte nicht, wie einige in Deutschland und anderswo sofort griesgrämig bekritteln, vom Verfall der Politik . Im Gegenteil, so viel Politik auf einem Parteitag war selten. Pausenlos wurde in diesen Tagen auf ungezählten Foren über alles, was Amerika und die Welt bewegt, lebhaft, streitig und interessant diskutiert. Vom Irakkrieg über Georgien bis Iran. Von der globalen Erderwärmung über Hunger und Seuchen bis zu den Flüchtlingsströmen. Von der notwendigen Gesundheitsreform über die Bildungskrise bis zur wachsenden Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche. Von den Menschenrechten über China bis zur schrumpfenden Rolle Amerikas.