ZEIT ONLINE: Im Waschzettel zum neuen Album wird viel von einer Wandlung des Peter Licht schwadroniert. Ich finde eher, Melancholie und Gesellschaft klingt so sehr nach dem letzten Album Lieder vom Ende des Kapitalismus, dass man meinen könnte, die Stücke wären in der gleichen Session entstanden.

Peter Licht: Es ist okay, dass Sie das so sehen. Promotexte sind ja immer Sollbruchstellen. Ich habe meinen zwar vorgelegt bekommen, aber naja ... meine Plattenfirma will natürlich immer wieder das Rad neu erfinden. Ich glaube schon, dass die Platte anders ist, aber jeder der Songs könnte wohl auch auf dem letzten Album stehen. Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr viele Konzerte gespielt, das ist schon eingeflossen.

ZEIT ONLINE: Für Ihre Verhältnisse sehr viele.

Peter Licht: Es waren so dreißig, vierzig ... Für meine Verhältnisse sind das viele. Da ändert sich natürlich auch die Herangehensweise. Die Klavierlastigkeit des Albums erklärt sich daraus. Wir haben live eine klare, ganz eindeutige Besetzung: Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug, bumm aus. Wir haben gerade festgestellt, dass wir eine richtige Rock’n’Roll-Band sind. Wir waren auf verschiedenen Festivals, unter anderem dem Melt. Es war eine neue Erfahrung, dass es in einem solchen Rahmen, auf der großen Hauptbühne, auch funktioniert.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich da wohlgefühlt?

Peter Licht: Ich fühle mich auf jeder Bühne fremd, auf eine gewisse Weise. Es ist wie eine soziale Skulptur, sich da hinzustellen, aber es ist natürlich auch toll.

ZEIT ONLINE: Als ich den Titel des Albums las, Melancholie und Gesellschaft, dachte ich gleich an Ihre vereinzelte Stellung als Künstler, eine grundsätzlich melancholische Position. Wünschen Sie sich manchmal einen unmittelbareren Zugang zu den Menschen?

Peter Licht: Ich finde es wichtig, diese Zweiteilung zu haben. Die Konzerte spielen sich eigentlich von allein. Nicht, dass es leicht wäre. Aber die Leute kommen mit einer bestimmten Erwartungshaltung, es gibt vorgegarte Meinungen, und dann findet das einfach so statt. Es ist alles abstrakt, ich bin da eigentlich gar nicht vonnöten. Die Emotion in einem Song, einem Projekt oder auch einer Figur ist das eine, und das andere bin ich. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, die unabhängig voneinander funktionieren.

ZEIT ONLINE: Das ist doch eine künstliche Trennung, die vielleicht komfortabel für Sie ist. Aber im Schaffensprozess sind Sie doch ungeteilt.

Peter Licht: Wenn ich einem Freund eine private Geschichte erzähle, dann ist das ein direkter Kontakt, dann geht es um mich. Aber wenn ich etwas veröffentliche, wenn etwas in diesen diffusen, absurden Raum gerät, dann entfernt sich das von mir, dann transformiert sich das in etwas anderes. Und das bin dann nicht mehr ich.

ZEIT ONLINE: Das entspricht ja der klassischen Werkpoetik. Goethe würde Ihnen sicherlich zustimmen. Aber es gibt doch eine genauso relevante, gegenteilige Konzeption: dass sich das Künstler-Ich im Werk ganz ausspricht, also eins zu eins darin aufgeht.

Peter Licht: Kenne ich, finde ich auch toll. Das hat eine gewisse Magie. Aber ich finde schon den Begriff Individuum fragwürdig ... Was soll denn Individualität eigentlich sein? Man könnte auch sagen, dass die ganze Welt ein Ameisenhaufen ist, und dass es Individualität gar nicht gibt. Und wenn man mal in kapitalistischen Bezügen darüber nachdenkt, ist es eben auch ein Marketing-Tool, der Individualist, der Teilnehmer am Wirtschaftskreislauf mit seinen ganz besonderen Bedürfnissen. Das ist ein sehr korrumpierter, verratener Begriff.

ZEIT ONLINE: Die Poptheoretiker der frühen Jahre, Helmut Salzinger etwa, glaubten noch an die subversive Kraft des Pop. Salzinger meinte, wenn der Kapitalismus sich die Popmusik inkorporiert, setzt er sich Läuse in den Pelz, weil die Musik ein Bewusstsein von einem komplett anderen Leben wachhält. Sind Sie auch dieser Meinung?

Peter Licht: Das ist eine Frage, die ich mir sehr oft stelle. Ich führe hier mit Ihnen ein Marketinggespräch zu meiner Platte, stehe aber dem Begriff Marketing kritisch gegenüber. Ich bin nicht der Meinung, dass Marketing eine neutrale Handlung ist. Ich weiß es selbst nicht, aber das genau ist der interessante Punkt: dass alles, was man tut, systemstabilisierend ist, und das System natürlich auch nicht nur scheiße ist.

ZEIT ONLINE: Aber trotzdem insistieren Sie ganz altmodisch auf Subversion.

Peter Licht: Ja, ich kritisiere auch. Aber ich fühle mich nicht ganz wohl, wenn man sagt, ich mache gesellschaftskritische Lieder. Das impliziert, dass man etwas anderes anzubieten hätte oder dass man genau sagen könnte, was denn zu kritisieren wäre. Das ist wie beim Kriegsdienstverweigerer, der die Aufgabe bekommt, sein Modell einer gewaltlosen Welt zu beschreiben, was ihm natürlich nicht gelingt. Ich finde, es geht eher darum zu beschreiben, was da ist, und dabei vielleicht einen wahren Moment zu treffen.

ZEIT ONLINE: Ihre Liedtexte sind uneindeutig, sie bedürfen der Interpretation. Ist diese poetische Verschlüsselung eine Strategie gegen die schnelle Vereinnahmung, gegen die zu schnelle Einspeisung in den Verwertungskreislauf?

Peter Licht: Strategie heißt ja immer, dass man eine Handlungsvariante hätte.

ZEIT ONLINE: Können Sie gar nicht anders?

Peter Licht: Ich möchte vielleicht gar nicht anders. Ich versuche in Bildern zu sprechen, anstatt die Dinge direkt zu benennen, weil ich sie gar nicht benennen kann. Die Wirklichkeit hat ja oftmals diesen Lotuseffekt, jede direkte Beschreibung perlt an ihr ab. Dann muss eben etwas anderes gegen die Wirklichkeit gesetzt werden, was eine eigene Wirklichkeit beansprucht. So funktioniert es vielleicht.

Das Gespräch führte Frank Schäfer

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