John McCain ist ein Überraschungscoup gelungen. Gerade war ganz Amerika noch wie betäubt vom historischen Auftritt des Präsidentschaftsbewerbers der Demokraten Barack Obama am Vorabend, da sorgte sein republikanischer Rivale für den Paukenschlag. Nicht auf ein bekanntes Gesicht wie den Ex-Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, oder den parteiunabhängigen Senator Joe Lieberman fiel seine Wahl für die Vize-Kandidatur. An seinem 72. Geburtstag holte sich McCain die landesweit so gut wie unbekannte Gouverneurin von Alaska Sarah Palin als "running mate" ins Boot. Die stramm konservative Haltung der erst 44-Jährigen lässt die republikanische Basis frohlocken. Doch wirft ihr Alter auch manchen Zweifel auf.

"Damit reißt McCain das Mantra vom Wandel Obama glatt aus den Händen", jubelte eine Kommentatorin des konservativen US- Fernsehsenders FoxNews. In der Tat bietet die fünffache Mutter, die ihre jüngstes Kind erst im April zu Welt gebracht hatte, einige wichtige Ergänzungen für den Wahlkampf des Senators aus Arizona. Während Obama seine Schwachstellen wie seine relative politische Unerfahrenheit und mangelnde außenpolitische Erfahrung durch seinen Vize Joe Biden wettzumachen versucht, schlägt sein republikanischer Rivale mit Palin augenscheinlich dieselbe Strategie ein.

Immer wieder hatte McCains Alter für Skepsis gesorgt: Würde er gewählt, wäre er der beim ersten Amtsantritt betagteste Präsidenten in der Geschichte des Landes. Mit 44 ist Palin drei Jahre jünger als Obama. Sie ist aktiv, jagt, fischt und fährt mit Schneemobil und Hundeschlitten durch die wilden Weiten ihres Bundesstaates, läuft Langstrecken und liebt Hamburger aus Elchfleisch.

Dass sie auf Lebenszeit Mitglied der US-Waffenlobby NRA ist, regelmäßige Kirchgängerin und strikte Abtreibungsgegnerin, könnte ein wichtiger Trumpf sein im Ringen um die Stimmen der religiösen Rechten, die sich mit McCain wegen mancher liberalen Position nicht recht erwärmen können. Der Kampf gegen Korruption in ihrem Heimatstaat brachte ihr den Ruf der Sauberfrau ein. Voriges Jahr trat ihr ältester Sohn Track in die Armee ein, obwohl es keine Wehrpflicht gibt. In wenigen Tagen zieht der 19-Jährige in den Irak-Krieg. Den Staat will sie schlanker machen, Verschwendung eindämmen – alles Punkte, an denen sich die konservative Seele wärmen kann. Dazu hat sie nicht den Makel, zum Washingtoner Establishment zu gehören, was McCain mit seinem Vierteljahrhundert im Kongress angekreidet wird.

Und sie ist eine Frau. "Enttäuschte Anhänger Hillary Clintons, die erwägen, zu McCain überzulaufen, haben jetzt einen Grund mehr", schreibt das US-Magazin "Politico". Karl Rove, der als Vater republikanischer Wahlsiege der jüngeren Vergangenheit gilt, analysiert: Palin spreche sowohl angesichts ihrer Karriere unabhängige städtische Frauen an, mit ihrer Familien- und Naturverbundenheit aber auch Wählerinnen auf dem Lande. "Sie ist die beste Wahl", sagte die Präsidentin des konservativen Eagle Forums, Phyllis Schlafly, der Washington Times . "Sie hat in allen wichtigen Fragen genau die richtige Position."