Sommertagebuch Wespen jagen im SuperheldenanzugSeite 2/2
5. August
Heute habe ich mich den ganzen Tag mit einer Handvoll erboster Fans/Nicht-Fans/Nicht-mehr-Fans herumgeschlagen, die sich in Gästebuch und E-Mails mit der drängenden Frage auseinandersetzen, ob wir »doppelzüngig« (Wörterbuch, ick hör dir rascheln) seien. Weil wir uns einerseits für Tibet engagieren, andererseits eine chinesische Version des Liedes kaputt zu einem deutsch-chinesischen Sampler beigetragen haben. Auf unserer Webseite schreibe ich sehr zivilisiert in die News: »…wer sich jetzt wundert, wie das mit einem Engagement für Tibet zusammenpasst, der kratze doch einmal kurz nicht an unserem, sondern am eigenen Kopf. Wenn man sich in China eine Entwicklung (…) wünscht, dann kann das nicht darüber passieren, dass man sich einem ganzen Land gegenüber verschließt. Im Gegenteil, nichts ist wirkungsvoller, als sich mit Kräften im Land zusammenzutun, die sich abseits vom Mainstream positionieren – vom Musik- aber auch vom Meinungsmainstream. Abgrenzung und Feindseligkeit werden in China nichts verändern – der chinesische Underground wird es vielleicht schon.« In mein Tagebuch, das ja glücklicherweise keiner liest, schreibe ich: Erbsenhirne! Erbsenherzen!
10. August
Eines der härtesten Wochenenden des Sommers: dreimal hintereinander 1000 Kilometer lange Busfahrten, das bedeutet insgesamt 30 Fahrtstunden mit schlafendem und 12 mit wachem Kind. Es bedeutet: über Nacht von Berlin nach Österreich, dort um 14 Uhr ankommen. Um 23.45 Uhr auf die Bühne, danach wieder in den Bus und über Nacht ans gegenüberliegende Ende der Schweiz. Dort um 16 Uhr aus dem Bus fallen, um 19 Uhr spielen, um 23 Uhr weiterfahren, über Nacht zurück nach Berlin, dort um 13 Uhr halb tot ins Bett sinken, am Ohr gezogen werden von kleinen Patschehändchen, wieder aufstehen und zum Spielplatz wanken.
Trotzdem, schön isses. Weil der Sommer strahlt und die Österreicher und Schweizer auch strahlen. Weil es Freibäder gibt für die Stunden zwischen den Fahrten und Konzerten. Weil es in der Schweiz auf der Bühne, ungelogen, während der ersten vier Lieder nach Käse riecht, so stark, dass ich die meisten meiner Texte vergesse über der Überlegung, ob man darüber wohl Witze machen darf. Dann riecht es plötzlich nach Dope, und die Überlegung wird komplexer.
Das Allerschönste: Friedrich kann wegen der frühen Auftrittszeit zum ersten Mal bei einem Konzert dabei sein. Neben und hinter der Bühne, versteht sich, aber hüpfend und quiekend und sich, in Anlehnung an im Publikum beobachtetes Verhalten, auf dem Boden wälzend. Anderthalb Stunden nach dem Konzert stecken wir ihn, der noch immer »Dadadaaaa!« singt und sich wälzt, ins Bett und fahren los gen Berlin. Die nächsten Tage wälzt sich Friedrich, »Dadadaaa!« singend, im hofeigenen Bach, die anderen Hofbewohner seiner Größenordnung tun es ihm nach. Und ich verscheuche Wespen.
Judith Holofernes, 31, singt in der Band "Wir sind Helden". Neben ein paar Konzerten blieb ihr noch genug Zeit, mit ihrem einjährigen Sohn in Berlin Jagd auf Wespen zu machen. Im Frühjahr erschien ihr Buch "Wir sind Helden".
Bildergalerie: Alle Sommertagebücher im Überblick
- Datum 04.09.2008 - 17:39 Uhr
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