"Ausgerechnet Alaska!" Diese TV-Serie über den Tundra-Staat an der Arktis und seinen absonderlichen Charakteren drängt sich bei dem Gedanken auf, dass Sarah Palin, die  Gouverneurin dieses Staates, im nächsten Jahr Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten sein könnte. Nur ganz wenige Menschen aus den "Lower 48" kennen Alaska, noch viel weniger kennen dessen Gouverneurin. Und doch hat McCain mit ihrer Kür einen genialen Zug getan.

Erstens nennt man sie "Sarah Barracuda" – aus ihrer High School Zeit, in der sie als Captain des Basketball-Teams mit ihren schnellen Vor- und Verstößen Furcht und Schrecken unter den Gegner-Mädchen säte. Dieser Raubfisch hat über Nacht den Wert des Obama-Vizes halbiert, der als rhetorischer Kampfhund fürs Grobe im Wahlkampf zuständig sein sollte. Palin ist berüchtigt für ihre sehr direkte Rede; Biden aber wird gegenüber einer Frau an Beißhemmungen leiden.

Zweitens lässt Palin mit ihren 44 Jahren den Prinzipal nicht mehr so alt aussehen. Das Durchschnittsalter McCain-Palin liegt gerade mal zwei Jahre über dem von Obama-Biden. Wichtiger aber: Die Gouverneurin nimmt ihrem Chef das Stigma des "alten Sackes". So mancher junge Wähler mag sich jetzt denken: "Der Typ kann gar nicht so uncool sein, wenn er eine so junge Politikerin voller Saft und Kraft auswählt." Jung-und-weit-weg verschafft aber noch einen weiteren Vorteil: Hier bewirbt sich keine Insiderin mit ewiger Dienstzeit in Washington (wie McCain und Biden), sondern eine Frau, die so frisch und unbefleckt ist wie der ewige Schnee Alaskas.

Drittens wetzt die Frau aus Wasilla so manche ideologische Scharte aus, und freundlicherweise sogar auf verschiedenen Seiten des Spektrums. Im ideologischen Lackmus-Test kann sie jederzeit vor der Republikaner-Rechten brillieren: Sie ist gegen Abtreibung und Homo-Ehe. Das verschafft dem Mitte-Ausleger McCain auf einmal Punkte (aus Erleichterung geboren) bei der Rechten, hatte die doch gefürchtet, er werde einen Abtreibungsbefürworter wie Tom Ridge auf den Schild heben, den Gouverneur von Pennsylvania.

Bloß, und hier lächelt sie nach links, hat Sarah P. als Gouverneurin ein Gesetz abgeschmettert, das Homo-Paaren staatliche Leistung vorenthalten wollte. Sie hat auch so manchen mächtigen Lobbyisten wiederstanden. Entscheidend aber ist Palin als Ein-Frau-Phalanx im Krieg um den größten Wählerblock Amerikas: den Frauen.

Ein wahrhaft füchsischer Zug: Derweil die 18 Millionen Wählerinnen, die in den Vorwahlen für Hillary Clinton gestimmt hatten, auf dem Parteitag zu Denver leer ausgingen (kein Vizeposten für ihre Favoritin), präsentiert McCain das Frauenvorbild par excellence , jedenfalls für Ms. Average America: Mutter (fünf Kinder) und Macher, Küche und Karriere, Gattin und Gouverneurin – und dabei keine feministische Hardlinerin.