Die Schlange bildete sich um sieben, um acht machte der Laden auf, fünf Minuten später war das letzte Netbook weg. Zwei Dutzend Frühaufsteher wandten sich murrend gen Ausgang.

Ob das morgendliche Frusterlebnis nun als grandioser Erfolg einer Aldi-Werbekampagne oder als Desaster für die Kundenbindung abgebucht werden muss, ist eine Frage für die Marketingstrategen. Für die verprellte Kundschaft ist klar: Mit ihrem Wunsch, ein Mini-Notebook in den Ausmaßen eines A-4-Blattes und dem Gewicht eines Vollkornbrots zu besitzen, liegen sie voll im Trend. Nicht nur beim Lebensmitteldiscounter waren die Hightech-Minis schon in den ersten Stunden vergriffen, auch Technik-Kaufhäuser und Internetshops müssen immer wieder passen, seit die ersten sogenannten Netbooks Anfang des Jahres auf den deutschen Markt kamen. Einen solchen Nachfrageboom gab es beim Alltagsgerät Computer schon lange nicht mehr.

Dabei kosten die handtaschentauglichen Winzlinge mit 300 bis 500 Euro kaum weniger als ihre günstigsten ausgewachsenen Brüder und Schwestern. Und die bieten vom DVD-Brenner über eine breite Tastatur und eine fette Festplatte bis hin zum glänzenden Bildschirm im Cinemascope-Format sehr viel, was dem Netbook fehlt. Nur ein Versprechen lösen sie unzureichend ein, nämlich ihre jederzeitige mobile Einsatzbereitschaft.

Wer schon einmal mit knapp drei Kilo Notebook und weiteren 1000 Gramm für Tasche, Netzteil und Kabelage im Gepäck unterwegs war, weiß, dass sein elektronisches Schoßhündchen (Laptop) eigentlich ein schwerer Köter (Schlepptop) ist. Die Dinger führen zu hängenden Schultern, und aufgeklappt ragen sie unangenehm über die Tischchen vor Flugzeug- und ICE-Sitzen hinaus. Kein Wunder, dass Notebooks die meiste Zeit ihres Daseins als fast vollwertiger Desktop-PC-Ersatz auf dem Schreibtisch verbringen.

Unterwegs ist dann nur das Handy dabei – für den mobilen Büromenschen gerne auch in Form eines Blackberry oder Smartphone. Deren Tastatur ist jedoch nur für Daumentipper geeignet. Und wenn ihr Bildschirm eine Website tatsächlich vollständig darstellen kann, ist die Schrift winzig und schwer zu entziffern. Wem es nur um das Erledigen elektronischer Post geht, der kommt damit ganz gut zurecht. Wer zusätzlich Text erfassen will, kann eine per Bluetooth drahtlos verbundene Tastatur verwenden. Zusammengeklappt schrumpft sie auf Postkartengröße. Alle anderen haben auf das Netbook gewartet.

Nur die Computerhersteller hatten davon nichts gemerkt. Zwar bastelten einige von ihnen billige Kleinst-Notebooks zusammen, hatten dabei aber nur den Markt in asiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Schwellenländern im Blick. Auch der Computer-Veteran Nicholas Negroponte staunte nicht schlecht, als ihm sein eigentlich für Schulkinder in den ärmsten Ländern entwickelter robuster und wasserdichter "100-Dollar-Laptop" ausgerechnet in den USA aus den Händen gerissen wurde. 150.000 Nordamerikaner beteiligten sich Ende vergangenen Jahres an der gemeinnützigen Aktion "give one, get one". Für 400 Dollar spendeten sie eines der bunten Netbooks mit seinem 7,5 Zoll kleinen Bildschirm in die Dritte Welt und erhielten dafür auch selber eines.

Auch der taiwanische Hersteller Asus hatte für seinen Eee-PC eigentlich asiatische Käufer im Auge. Dank 7-Zoll-Bildschirm und Verzicht auf Festplatte und Windows-Betriebssystem kam er Ende 2007 für unter 300 Dollar auf den Markt. Reißenden Absatz fand er dann jedoch in den USA und Europa. In Deutschland begann der Verkauf im Januar, seit dieser Woche ist bereits die dritte, deutlich verbesserte Version im Angebot – mit 160-Gigabyte-Festplatte, einem 10-Zoll-Bildschirm, der Internet-Seiten in voller Auflösung darstellen kann, und dem Betriebssystem Windows XP. Das hatte der Software-Riese aus Seattle eigentlich bereits durch Vista ersetzt, für Netbooks mit ihren schwächeren Rechenchips dann aber doch noch einmal freigegeben.

Auch Acer, Medion und MSI bieten inzwischen ähnliche Netbooks an, HP will demnächst nachziehen. Deutlich unter 400 Euro ist allerdings keines der vergleichsweise üppig ausgestatteten Geräte mehr zu haben. Wer ohne unnötigen Ballast im Internet surfen, E-Mail- und Office-Anwendungen nutzen will, ist gut damit bedient. Selbst 10-Finger-Schreiber kommen mit der um rund zehn Prozent geschrumpften Tastatur nach kurzer Eingewöhnungszeit recht gut klar. Wer die vorinstallierte Software allerdings aus eigenen Beständen ergänzen will, scheitert zunächst daran, dass allen Netbooks ein CD-Laufwerk fehlt. Mit einem Heimnetzwerk oder der Verwandlung eines USB-Sticks in ein virtuelles Laufwerk lässt sich dieses Problem zwar umschiffen, für technische Laien ist das jedoch nichts.

Als Ersatz eines PCs unter oder eines Notebooks auf dem Schreibtisch sind Netbooks nicht gedacht. Wer länger daran arbeitet, sehnt sich nach einem anständigen Bildschirm, wer Videos sehen oder Musik hören möchte, wird ihre scheppernden Miniaturlautsprecher verfluchen. Netbooks sind mobile Zweitgeräte. Schade, dass auch der drahtlose Abgleich von Kalender, Adressbuch und Dateien mit dem Hauptrechner ("Synchronisation") fortgeschrittene Computerkenntnisse erfordert. Wer es ohne sie versucht, sitzt am Ende vor zwei schmucken Geräten, die ihre Inhalte gegenseitig gelöscht haben.