Die Weltmusik liegt im Sterben, dabei ist sie gerade 21 Jahre alt. Schuld ist dieselbe Globalisierung, die sie hervorbrachte. Transportable Aufnahmegeräte, erschwingliche Fernreisen und bessere Kommunikationstechnik machten Musikstile aus aller Welt den westlichen Konsumenten erst zugänglich – und ihre Weiterentwicklung lässt das Genre überflüssig werden: Die Musiker rund um den Globus brauchen keine Manager mehr, die ihnen den vermeintlich verkaufsfördernden Aufkleber World Music auf die CD-Hülle pappen, sie haben ja MySpace und YouTube.

Die Weltmusik wurde an einem Montag erfunden, am 29. Juni 1987. Einige britische Plattenfirmen vergaßen damals zeitweise alle Konkurrenz und planten bei einem Treffen in London eine gemeinsame Image-Kampagne. Es gab ja auch was zu holen: Musiker wie Paul Simon hatten erfolgreich mit Kollegen aus Afrika kooperiert und so einen neuen Markt erschlossen – der nun einen Namen brauchte, um richtig Geld zu machen. World Beat wurde von den Labels ebenso verworfen wie die gar zu differenzierte Idee, existierende Genres mit dem Präfix Tropical oder Hot zu versehen, also etwa Tropical Rock zu produzieren. Stattdessen stellten sie Plattenläden Sortier-Kartons mit der Aufschrift World Music zur Verfügung. Sie planten eine Weltmusik-Kassette als Beilage im New Musical Express, gemeinsame Anzeigen und die ersten World Music Charts.

Mit einer Definition des Genres plagten sich die Damen und Herren nicht. "Someone else’s local music", schlug das Magazin Songlines später vor: anderer Leute Lokalmusik – aus der Perspektive urbaner Westler. Wenn Aborigines in ihre Didgeridoos tröten, Ashanti die Trommeln sprechen lassen oder tibetische Mönche singen, ist das spirituelle Übung, Tanzrhythmus oder Kriegssoundtrack. Weltmusik entsteht daraus erst, wenn Westler sie entdecken, CDs aufnehmen, Konzerte veranstalten.

Den Begriff soll der Ethnomusikologe Robert E. Brown in den sechziger Jahren erfunden haben. Latinophile und afroaffine Jazzer waren die Ersten, die ihre Lieblingsbrocken aus der musikalischen Ursuppe löffelten. Damals spielten George Harrison Sitar und Brian Wilson Koto, Brian Jones produzierte Sufi-Musiker aus Marokko und Paul Simon ließ El Condor Pasa fliegen. Die Reihe weißer Paten kulminierte in Simons Album Graceland von 1986 und Peter Gabriels 1989 gegründetem Label Real World.