Globalisierung & Musik Balkanpop riecht nach VerfallSeite 2/2

Nun kam die Zeit der Schmetterlingssammler: Plattenfirmen wie Nonesuch, World Circuit oder World Network spießten in immer entlegeneren Weltgegenden unerhörte Musikstile auf, hielten singenden Großmüttern in unzugänglichen Kaukasustälern Mikrofone vor die zahnlosen Münder, entwickelten Tonabnehmer für einsaitige Streichinstrumente aus tropischem Holz. Eine Entdeckerattitüde durchzog allen guten Vorsätzen zum Trotz ihre Kataloge. Wellenweise schwappten Moden durch Hitparaden, Tanzsäle und Fußgängerzonen: andines Pan-Geflöte Poncho tragender Putsch-Flüchtlinge, guinnessseliger Keltenfolk, Oberton-Gesang aus Rumänien und Kehlkopfgeröchel aus der Mongolei, wohlverdrängter Shtetl-Klezmer, pastelliger Buena-Vista-Social-Club-Son und zuletzt Balkan-Musik aller Couleur.

Die Balkan-Mode riecht schon streng nach dem Verfall der Weltmusik: Hier stellen nicht mehr mitteleuropäische Weltreisende exotische Artefakte in ihre Vitrinen, hier spielen alle mit allem – Balkan nicht als Region, sondern als Synonym für kreatives Chaos. Manche der Musiker haben nicht mal familiäre Wurzeln in Ostmitteleuropa. Alle mischen munter Punk- und Surf-Gitarre sowie elektronische Rhythmen mit den Stilen von Völkern, die sich bislang häufiger gegenseitig umgebracht als miteinander musiziert haben – oder die sich nie begegnet sind.

So ähnlich läuft das auch anderswo. Beispiele sind das Afro Celt Sound System, Radio Tarifa, 17 Hippies oder Simon Emmersons Album The Imagined Village: englische Dorfmusik mit Migrationshintergrund. Selbst amerikanische Gitarrenjungs wie Vampire Weekend (bekennende Graceland-Fans) bedienen sich bei afrikanischen Rhythmen, und der deutsche Weltmusikpreis Creole ordnet den Wettbewerb nach den Herkunftsländern der Gruppen – den Herkunfts-Bundesländern.

Die Schmetterlinge treiben es zu bunt; das CD-Schildchen "File Under: World Music / Ethno" hat seinen Sinn verloren. Ein bisschen wird noch nachgeholt, werden etwa großartige Musiker aus dem Afrika der siebziger und achtziger Jahre wie das Orchestra Baobab verspätet kompiliert. Aber weil digitale Technik und moderne Kommunikationswege in alle Ecken dringen, finden Musiker aus Afrika, Asien, Südamerika ohnehin auch ohne die Simons, Gabriels und Ry Cooders dieser (westlichen) Welt den direkten Weg zu Konsumenten in und außerhalb ihrer Gemeinden. MySpace und YouTube sind überall, Portale wie Calabash oder Tygahoney Music behaupten, fair gehandelte Downloads anzubieten: Die Globalisierung frisst ihr Kind, die Weltmusik.

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