Iran Offener Brief an die Henker meines Vaters

Vor 20 Jahren fand im Iran eine der größten Säuberungsaktionen in der Geschichte der Islamischen Republik statt. Bis heute schweigt Teheran darüber. Brief einer Zeugin.

Das Gefängnis von Evin in Teheran

Das Gefängnis von Evin in Teheran

Bis heute existiert keine offizielle Sterbeurkunde meines Vaters. Es gibt auch kein Grab, das wir besuchen könnten. Wahrscheinlich liegen seine sterblichen Überreste in einem der Massengräber auf dem Khavaran-Friedhof bei Teheran. In einem Einzeiler bestätigte das Außenministerium Irans nur auf eine Anfrage der Deutschen Botschaft in Teheran 1991 das "Ableben des Genannten".

Manoutchehr Behzadi war Mitglied der kommunistischen Tudeh-Partei Irans und Chefredakteur ihrer Zeitung Mardom . Auf der Flucht vor dem Schah-Regime hatte er 24 Jahre im Exil verbracht – die meiste Zeit davon in der DDR –, bevor er nach der Revolution 1979 nach Iran zurückkehrte. Ich habe meinen Vater als einen sehr gebildeten, klugen Menschen in Erinnerung, der uns lehrte, nachzufragen, sich kundig zu machen und Unrecht jeder Art nicht einfach hinzunehmen.

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Nach unserer Ankunft in Teheran fiel mir vor allem auf, wie lebendig und voller Tatendrang er war, wie sehr er sein Land und dessen Menschen vermisst haben musste, wie überglücklich, dass er wieder mitgestalten konnte. Vieles von dem, was nach 1979 in Iran passiert ist, weiß ich aus Erzählungen meiner Mutter, von Freunden meines Vaters und aus den vielen Augenzeugenberichten und wenigen Studien, die über diese Zeit geschrieben wurden. Selbst erlebt hingegen habe ich, wie sich anfängliche Begeisterung und vermutete Freiheiten umwandelten in Bedrückung und Beschneidung einfachster Rechte, von der Kleidung der Frauen bis hin zur Presse- und Versammlungsfreiheit.

Als die Verhaftungen von linken Oppositionellen zunahmen, kehrte meine Mutter mit uns Kindern im Sommer 1982 nach Berlin zurück. Im Februar 1983 wurde mein Vater mit vielen anderen Mitgliedern der Tudeh-Partei verhaftet und im Evin-Gefängnis, das bereits zu Schah-Zeiten berüchtigt war, in Isolationshaft gesteckt. Nach unvorstellbaren Folterungen, die unter anderem aus stundenlangem Schlagen mit der Peitsche und Aufhängen an über dem Rücken gekreuzten Armen bestand, traten einige der Gefangenen im Mai 1983 in einer inszenierten Gefängniskonferenz auf, die im iranischen Fernsehen gezeigt wurde. An einem runden Tisch sitzen sichtlich von Misshandlungen gezeichnete Männer, auch Manoutchehr Behzadi, über ihnen Banner mit den Standardslogans gegen die USA und die Sowjetunion. Die Gefangenen loben die Islamische Republik Iran und verdammen ihren eigenen "Irrweg".

Leser-Kommentare
    • Melone
    • 06.09.2008 um 20:19 Uhr

    Ich möchte bei Gelegenheit dieses bewegenden Artikels daran erinnern, dass einer der größten Anhänger Khomeinis der Philosoph Michel Foucault war - so viel zur unheilvollen Allianz von Islamismus und Postmoderne, die in vielen Köpfen immer noch den Ton anzugeben scheint. Lale Behzadi und ihrer Familie gilt mein Mitgefühl. Wir benötigen endlich eine Debatte über die Fallen des Kulturalismus! 
     
    ponschek

  1. Die Verfehlungen der Islamischen Republik Iran sind mir durchaus bekannt. War Vorgänger Schah Reza Pahlavi besser? Auf der anderen Seite  ist die Opferstatistik des US-unterstützten Krieges Iraks gegen den Iran mit grob geschätzen 800.000 Toten auf iranischer Seite durchaus auch beeindruckend. Bei der möglicherweise vorliegenden Unterwanderung der ZEIT durch amerikanische Einflussagenten muss ich mich aber auch Fragen, ob mich diese Rührstück auf einen Befreiungskrieg einstimmen soll.(Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen dieser Art. Die Redaktion/jk)

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    gemäß Ihrer kindhaften Logik, wonach Chomeni irgendwie akzeptabel sei, weil es davor den Schah gab, frage ich Sie: was haben Sie gegen die Amis im Irak? Saddam Hussein hat doch auch den Tod von zwei Millionen Arabern, Iranern und Kurden zu verantworten.

    Nachdem der Schah Pahlavi 'auch nicht besser' war sollte man am besten nachforschen ob nicht etwa viel zu wenige Regimekritiker ermordet wurden oder ? Und der Irak Krieg der USA mit geschaetzten 800.000 Opfern fordert ja geradezu nach Inhaftierung und Hinrichtung von mindestens 80.000 Verdaechtigen würde ich sagen ......
     

    es interessiert mich schon - und insoweit hat Kanalbauer völlig recht - warum aus einer Zeitschrift, auf deren neutrale und ausgewogene Berichterstattung ich mich über Jahrzehnte verlassen konnte, ein Blatt geworden ist, dessen Berichte ich mir inzwischen im Kontext ganz bestimmter Interessen erklären muss...

    Sicher sind die Verbrechen des derzeitigen Regimes im Iran unmenschlich und die Verbrechen des Schah und seines Gemeindienstes sind in ihrer Monstrosität legendär geworden - - - all diesen Opfern mein Mitgefühl
    - - - meine ganz persönliche Trauer gilt aber der absoluten Neutralität in der Berichterstattung der ZEIT, deren Verlust ich also offensichtlich nicht als einziger und nicht erst seit der Berichterstattung über Georgien so schmerzlich empfinde

    gemäß Ihrer kindhaften Logik, wonach Chomeni irgendwie akzeptabel sei, weil es davor den Schah gab, frage ich Sie: was haben Sie gegen die Amis im Irak? Saddam Hussein hat doch auch den Tod von zwei Millionen Arabern, Iranern und Kurden zu verantworten.

    Nachdem der Schah Pahlavi 'auch nicht besser' war sollte man am besten nachforschen ob nicht etwa viel zu wenige Regimekritiker ermordet wurden oder ? Und der Irak Krieg der USA mit geschaetzten 800.000 Opfern fordert ja geradezu nach Inhaftierung und Hinrichtung von mindestens 80.000 Verdaechtigen würde ich sagen ......
     

    es interessiert mich schon - und insoweit hat Kanalbauer völlig recht - warum aus einer Zeitschrift, auf deren neutrale und ausgewogene Berichterstattung ich mich über Jahrzehnte verlassen konnte, ein Blatt geworden ist, dessen Berichte ich mir inzwischen im Kontext ganz bestimmter Interessen erklären muss...

    Sicher sind die Verbrechen des derzeitigen Regimes im Iran unmenschlich und die Verbrechen des Schah und seines Gemeindienstes sind in ihrer Monstrosität legendär geworden - - - all diesen Opfern mein Mitgefühl
    - - - meine ganz persönliche Trauer gilt aber der absoluten Neutralität in der Berichterstattung der ZEIT, deren Verlust ich also offensichtlich nicht als einziger und nicht erst seit der Berichterstattung über Georgien so schmerzlich empfinde

  2. Verzichten sie bitte darauf mir Unterstellungen zu unterstellen. Dankeschön.

  3. gemäß Ihrer kindhaften Logik, wonach Chomeni irgendwie akzeptabel sei, weil es davor den Schah gab, frage ich Sie: was haben Sie gegen die Amis im Irak? Saddam Hussein hat doch auch den Tod von zwei Millionen Arabern, Iranern und Kurden zu verantworten.

    Antwort auf "Durchaus rührend!"
    • Rahab
    • 07.09.2008 um 0:45 Uhr

    ich erinnere mich sehr gut, wie das war, als 1988 diese hinrichtungswelle bekannt wurde. es ist keine lustige erinnerung! ich hatte mit einigen frauen zu tun, deren ehemänner zu den hingerichteten gehörten, und die hier, während sie noch hofften und gleichzeitig ahnten, dass sie umsonst hofften, durch ein asylverfahren mußten... da wurde wenig rücksicht auf solche subjektiven befindlichkeiten genommen wie die, es könnte irgendetwas bekannt werden und diese inhaftierten gefährden.
    was Sie da geschrieben haben, das fällt unter: mit dem entsetzen anderer scherz treiben. ein politikaster, der sich wichtig macht. pfui!

  4. Nachdem der Schah Pahlavi 'auch nicht besser' war sollte man am besten nachforschen ob nicht etwa viel zu wenige Regimekritiker ermordet wurden oder ? Und der Irak Krieg der USA mit geschaetzten 800.000 Opfern fordert ja geradezu nach Inhaftierung und Hinrichtung von mindestens 80.000 Verdaechtigen würde ich sagen ......
     

    Antwort auf "Durchaus rührend!"
  5. Mein Mitgefuehl git Frau Behzadi.
    In der Wirren jeder Revolution , seit Menschendenken , wurde und wird  viel Unrecht passieren.
    Dies als Politikum auszunutzen und wieder einmal mit dem Finger auf den  boesen Iran zu zeigen , hilft der Sache wenig.
    Die Geschichte des Iran vor und nach der Revolution und der danach folgende und grausame Krieg mit dem Irak ist auesserst komplex und Bedarf sehr viel Aufklaerungsarbeit . Leider ist und war die westliche Presse nie daran wirklich interesssiert , die wahren Ereignisse  im Iran objektiv aufzuarbeiten. Die Gruende dafuer sind klar. Der Iran soll und muss immer als Boesewicht dargestellt werden , so dass man wohl mit diese Tatsache leben muss.

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    ich weiss aus diversen Kontakten das der Iran ein Staat ist welcher die Menschenrechte mit Füssen tritt insbesondere die Freihet der Frauen und Randgruppen! Das abzustreiten ist einfach Irrsinn! Und durch Fehler in anderen Staaten auch nicht zu rechtfertigen!  Vor allem hat das überhaupt nichts mit der USA zu tun, das ist einfach so in dieser Islamischen Republik! Das der Iran zur Achse des Bösen gehört und die USA nebst Israel das Böse schlechthin bedeutet sind einfach Instrumente der jeweiligen Regierung um vom eigenen Versagen in der Regierungsverantwortung abzulenken! Vergessen wir nicht das 2 Generationen vor uns in der Schule gelernt haben der Franzose waere unser 'Erbfeind' ! Das Instrument des Verteufelns ist also weder eine Amerikanische noch Iranische Erfindung! Müsste ich in einem der beiden Staaten leben (was Gott verhüten möge)würde ich immer noch die USA vorziehen ....

    • Rahab
    • 07.09.2008 um 12:51 Uhr

    wenn "überlebende" sprechen, dann wird nicht zugehört und nicht gelesen. sondern der über-politisch-relevante gesamtzusammenhang hergestellt. es is nicht zu fassen! - dabei gehört frau Behzadi zu denen, die sich für diese "achse des bösen" wahrhaftig nicht instrumentalisieren lassen möchten ... aber weil sie zu den "überlebenden" gehört, muß sie sich das gefallen lassen?!

    ich weiss aus diversen Kontakten das der Iran ein Staat ist welcher die Menschenrechte mit Füssen tritt insbesondere die Freihet der Frauen und Randgruppen! Das abzustreiten ist einfach Irrsinn! Und durch Fehler in anderen Staaten auch nicht zu rechtfertigen!  Vor allem hat das überhaupt nichts mit der USA zu tun, das ist einfach so in dieser Islamischen Republik! Das der Iran zur Achse des Bösen gehört und die USA nebst Israel das Böse schlechthin bedeutet sind einfach Instrumente der jeweiligen Regierung um vom eigenen Versagen in der Regierungsverantwortung abzulenken! Vergessen wir nicht das 2 Generationen vor uns in der Schule gelernt haben der Franzose waere unser 'Erbfeind' ! Das Instrument des Verteufelns ist also weder eine Amerikanische noch Iranische Erfindung! Müsste ich in einem der beiden Staaten leben (was Gott verhüten möge)würde ich immer noch die USA vorziehen ....

    • Rahab
    • 07.09.2008 um 12:51 Uhr

    wenn "überlebende" sprechen, dann wird nicht zugehört und nicht gelesen. sondern der über-politisch-relevante gesamtzusammenhang hergestellt. es is nicht zu fassen! - dabei gehört frau Behzadi zu denen, die sich für diese "achse des bösen" wahrhaftig nicht instrumentalisieren lassen möchten ... aber weil sie zu den "überlebenden" gehört, muß sie sich das gefallen lassen?!

  6. es interessiert mich schon - und insoweit hat Kanalbauer völlig recht - warum aus einer Zeitschrift, auf deren neutrale und ausgewogene Berichterstattung ich mich über Jahrzehnte verlassen konnte, ein Blatt geworden ist, dessen Berichte ich mir inzwischen im Kontext ganz bestimmter Interessen erklären muss...

    Sicher sind die Verbrechen des derzeitigen Regimes im Iran unmenschlich und die Verbrechen des Schah und seines Gemeindienstes sind in ihrer Monstrosität legendär geworden - - - all diesen Opfern mein Mitgefühl
    - - - meine ganz persönliche Trauer gilt aber der absoluten Neutralität in der Berichterstattung der ZEIT, deren Verlust ich also offensichtlich nicht als einziger und nicht erst seit der Berichterstattung über Georgien so schmerzlich empfinde

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    • Rahab
    • 07.09.2008 um 11:31 Uhr

    ein kind, heute eine erwachsene frau, das 1988 seinen vater verloren hat, schreibt einen 'offenen brief' und möchte, dass dieser in möglichst vielen, möglichst seriösen zeitungen erscheint. auch in der zeit.
    weil es um eine form des gedenkens geht. und auch um eine form der selbst-besinnung und selbst-vergewisserung der iranischen opposition. und gerade mal nicht um den globalen zusammenhang, ausnahmsweise mal nicht.
    natürlich könnten sich einige leute, die damals darüber 'theoretisiert' haben, was für eine revolution das wohl werden könne und welche hoffnungen an die verbindung von chomeini und tudeh zu knüpfen seien und die dabei weniger die tudeh aber mehr chomeini ganz toll fanden ... und ich rede nicht von Michel Foucault! ... die könnten heute mal in den spiegel gucken und sich in die eigene bedeutungsvolle nase kneifen.
    schon mal von Kate Millet 'Im Iran' gelesen? 1982 erschienen, in usa und auch in brd. wahrscheinlich nicht. ging ja nur um frauen, die dagegen prostestierten, dass sie wieder tschador tragen sollten... hat doch mit revolution nichts zu tun! ach ja?

    • Rahab
    • 07.09.2008 um 11:31 Uhr

    ein kind, heute eine erwachsene frau, das 1988 seinen vater verloren hat, schreibt einen 'offenen brief' und möchte, dass dieser in möglichst vielen, möglichst seriösen zeitungen erscheint. auch in der zeit.
    weil es um eine form des gedenkens geht. und auch um eine form der selbst-besinnung und selbst-vergewisserung der iranischen opposition. und gerade mal nicht um den globalen zusammenhang, ausnahmsweise mal nicht.
    natürlich könnten sich einige leute, die damals darüber 'theoretisiert' haben, was für eine revolution das wohl werden könne und welche hoffnungen an die verbindung von chomeini und tudeh zu knüpfen seien und die dabei weniger die tudeh aber mehr chomeini ganz toll fanden ... und ich rede nicht von Michel Foucault! ... die könnten heute mal in den spiegel gucken und sich in die eigene bedeutungsvolle nase kneifen.
    schon mal von Kate Millet 'Im Iran' gelesen? 1982 erschienen, in usa und auch in brd. wahrscheinlich nicht. ging ja nur um frauen, die dagegen prostestierten, dass sie wieder tschador tragen sollten... hat doch mit revolution nichts zu tun! ach ja?

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