Nachdem sich zwei Wirbelstürme – ein ganz realer namens Gustav, ein politischer namens Palin – abgeschwächt haben, liegt es nun heute Abend an John McCain, die republikanische Partei auf eine gemeinsame Linie einzuschwören. Die Voraussetzungen sind denkbar ungünstig: Gallup-Meinungsumfragen bescheinigen Barack Obama den bisher größten Vorsprung vor McCain. CNN spricht sogar vom "unwirtlichsten Klima für die Republikaner seit der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre". Und die Partei weiß nur zu gut, dass McCain nicht unbedingt ein begnadeter Redner ist.

Mit wenigen Gesten und seinen typisch kurzen, knappen Sätzen ist es ihm allerdings schon ein Mal gelungen, Furore zu machen. Viele Amerikaner können heute noch die Schlussworte seiner Anti-Terrorismus-Rede des Parteitags 2004 zitieren: "Wir sind Amerikaner. Wir werden uns niemals ergeben. Die anderen schon." Direkte Vergleiche zum laut Webzeitung Politico "schillernden" rhetorischen Star Obama sind aber unvermeidlich. Von daher dämpft McCains Berater Mark Salter seit Wochen die hochgesteckten Erwartungen: "Er ist nicht der beste Redner, er ist ein wenig steif, wie Sie alle wissen", so Salter mit Blick auf McCains Kriegsverletzungen.

Dafür hat jeder Amerikaner Verständnis, das wird ihm niemand ankreiden. Im Gegenteil: Beobachter gehen davon aus, dass McCain nochmals intensiv auf seine Zeit als Kriegsgefangener eingehen wird, obwohl der Schauspieler und Politiker Fred Thompson das bereits zum Parteitags-Auftakt ausgiebig getan hat: "Eine Kriegsgefangenschaft qualifiziert niemanden für das Weiße Haus. Aber sie offenbart Charakter", argumentierte Thompson. Und Charakter, in der Form eines handfesten, unerschütterlichen Patriotismus, ist nach wie vor eines von McCains Hauptargumenten. Nachdem sein Image durch das ungeschickte Zugeständnis, er wisse nicht genau, wie viele Häuser er besitze, kräftig gelitten hat, muss diesbezüglich also nachgelegt werden. "Es geht doch letztlich nicht um das Parteiprogramm, sondern um eine greifbare Beziehung zu den Wählern", erkennt Ken Khachigian, ein früherer Redenschreiber für die Republikaner.

Das Politikmagazin US News & World Report entdeckt in der Beziehung beider Kandidaten zu ihren Wählern eine "Intensitätskluft". Laut Pew Research sprechen sich nämlich 24 Prozent "stark" für Obama aus, für McCain sind es 17 Prozent. "Wenn die Intellektuellen an den Küsten, Milliardäre, Rechtsanwälte, Rockstars, Atheisten und Starbucks-Snobs seine Rede hassen, dann ist sie gut", so das Magazin.

McCain muss aber weitere Hürden nehmen: sich vorsichtig, aber deutlich, von Präsident Bush distanzieren, ohne dessen Lager zu vergraulen, sowie seinen bisher wenig angriffslustigen Gegenspieler Barack Obama direkt und idealerweise humorvoll attackieren. Wie Letzteres stilvoll, augenzwinkernd und treffsicher gemeistert werden kann, machte Vize-Kandidatin Sarah Palin Mittwochabend vor.

Nachdem der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani mit gewohnt markigen Worten die Atmosphäre im Stadion hochgekocht hatte, nahm Palin den Parteitag – und gleichzeitig viele Journalisten – im Sturm. Ihre Worte über Kinder, Karriere und Korruption wirkten ebenso offen, charmant und sicher wie ihre Angriffe auf Barack Obama. "Sie hat definitiv die Delegierten überzeugt, aber die sind der Chor, die sind längst angeworben", dämpft John Danforth, ein ehemaliger republikanischer Senator, die Begeisterung. Nun müsse sie einen Weg finden, auch den Wählern ihre Nachricht zu verkaufen.