Nun hat John McCain ein herrliches Luxus-Problem. Er muss aufpassen, dass Sarah Palin, seine frisch erwählte Kandidatin für den Posten der Vizepräsidentin, den Chef nicht in den Schatten stellt. Seit dem Parteitag der Republikaner reisen beide kreuz und quer durch die umkämpften Bundesstaaten, durch Wisconsin, Ohio und nun Michigan – ein Trip wie ein Triumphzug.

Doch nicht den Chef wollen die Leute sehen. Nicht den Mann, der Amerikas nächster Präsident werden könnte. Nein, Sarah Palin soll auf die Bühne, die Senkrechtstarterin der amerikanischen Politik, die binnen einer Woche von der Provinzpolitikerin zur Kultfigur aufstieg. Nach einer inspirierten und bissigen Rede ist die Frau, die aus der Kälte kam, den Republikanern, was Barack Obama den Demokraten ist: Projektionsfläche aller Hoffnungen.

Hohes Risiko und hohen Ertrag verspricht diese Nominierung. Der Ertrag ist seit Montag in den ersten Meinungsumfragen seit dem Parteitag messbar. Und siehe da: Team McCain liegt plötzlich vorn, bei manchen Umfrageinstituten sogar deutlich.

Natürlich spielt der Effekt der schönen Bilder dabei eine Rolle. Der wird wieder verfliegen. Aber Palin bleibt. Denn ihrer Nominierung ist der "Bounce", dieser Sprung in den Umfragewerten, zuzuschreiben. Erstmals geht McCain bei den Frauen in Führung. Und die entscheiden wahrscheinlich die Wahl.

Eine Woche lang hatten sich Amerikas Medien auf Sarah Palin eingeschossen. Nicht nur neugierige Fragen stellten sie der Newcomerin. Nicht nur kritische Fragen nach der Qualifikation einer Frau ohne Erfahrung in der Bundespolitik. Nein, die Häme eines ganzen Berufsstandes, elektronisch und durch Druckerpressen vervielfältigt, prasselte auf sie nieder. Sie erschien als ahnungslos und amateurhaft, widersprüchlich und skandalumwittert. Ein Dummchen aus der Provinz, eine stramm rechte Trutsche, eine Fundamentalisten-Mami.

Erst als Palins Rede sie zum politischen Rockstar machte, schwenkten die US-Medien um. Endlich lässt sich ein wenig nüchterner über das Phänomen Palin diskutieren. Hier, vorschlagshalber, fünf Gründe für ihren kometenhaften Aufstieg.

Sarah Palin lädt zur Identifikation ein. Neben Palin treten für das Amt des Präsidenten und Vizepräsidenten drei Senatoren an, mithin Mitglieder von Amerikas elitärstem Club, gerade mal 100 Köpfe stark. Sarah Palin ist in diesem Kreis Außenseiterin und Stimme des Volkes. Sie muss nicht bei Wahlkampf-Auftritten fremde Kinder küssen; sie kann die eigenen nehmen. Sie muss nicht erklären, dass sie das Leben der Mittelschicht versteht; sie lebt es selbst, als "Eishockey-Mum", als Pendlerin aus der Vorstadt in die Metropole. Es ist ein Leben ohne Glamour, aber eines, das jedermann verstehen kann.