Pop aus Schweden Visionärin vielleicht?

Lykke Li erfüllt das Klischee von der süßen, singenden Skandinavierin. Und sie bricht es. Ihr Album "Youth Novels" ist ein hinreißendes Debüt. Ein Porträt

Ob sie gleich eine große Blase platzen lässt? Lykke Li kaut und kaut und schmatzt auf ihrem Kaugummi herum. Das passt zu ihrem mädchenhaften Image, mit dem die Nachwuchsmusikerin nicht nur auf Pressefotos spielt. Beim Interviewtermin in Hamburg blickt die zierliche Schwedin blass unter der Krempe ihres Strohhuts hervor und streckt die Beine auf dem Sofa aus. Wenn sie spricht, ist das, wie der Gesang auf ihrem ersten Album Youth Novels, kaum mehr als ein Hauchen.

Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn Lykke Li hat mehr zu sagen als unbedarften Girlie-Quatsch. Ernst, nachdenklich und selbstbewusst klingt die 22-Jährige – etwa, wenn sie über ihre ersten Erfahrungen als Musikerin spricht, die mit „viel Selbstquälerei und Gegrübel“ verbunden gewesen seien. Oder wenn es um ihre fragile Stimme geht. „Ich wünsche mir manchmal, ich hätte die Stimme einer schwarzen Frau. Aber ich bin nun mal ein weißes Mädchen aus Schweden. Und ich finde diese Unterstellung, ich könne nicht ausdrucksvoll singen, weil meine Stimme so zerbrechlich klingt, einfach fantasielos. Kate Bush hatte auch eine sehr kindliche Stimme, und sie war sehr emotional. Sollen die Leute sagen, was sie wollen.“

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Die Leute sagen ohnehin fast nur Gutes über Lykke Li. Sie vergleichen sie eben mit jener Kate Bush, und nicht allein wegen der Stimme. Es ist die kunstvolle Verschrobenheit ihres ätherischen Elektropops, die den Vergleich mit der großen Engländerin heraufbeschwört. Und natürlich das Alter. Kate Bush war 16, als sie ihren ersten Plattenvertrag unterschrieb. Lykke Li war nur drei Jahre älter, als sie Youth Novels aufnahm. „Ein bisschen ängstlich war ich schon, als ich zum ersten Mal im Studio stand“, sagt sie. „Ich war ja fast noch ein Kind.“

Wenn sie solche Sätze sagt, klingt es, als merke sie erst jetzt, dass ihr die ganze öffentliche Aufmerksamkeit nicht ganz behagt. Merkwürdig, stand sie doch schon als Kind gern im Mittelpunkt. Madonna war ihr großes Vorbild, als sie mit ausgestopftem BH vor dem Spiegel sang. Ihre Eltern – ein Rockmusiker und eine Fotografin – stellten sich dem Ausdrucksbedürfnis ihrer Tochter nicht entgegen.

Lykke Li Timotej Zachrisson – so lautet ihr voller Name – schrieb Gedichte, nahm Ballett- und Klavierstunden, wollte dereinst Malerin werden. Als reine Musikerin versteht sich Lykke Li, die das geschmackvolle CD-Beiheft selbst gestaltet hat, auch heute nicht. „Ich weiß nicht, was ich bin“, sagt sie. Und die Denkpause danach ist nicht gespielt. „Künstlerin oder Visionärin vielleicht?“

Zurzeit aber steht die Musik im Vordergrund. Seit ihr Debütalbum im vergangenen Jahr in Schweden erschienen ist, reist sie fast ununterbrochen auf Tour umher. Das ist nichts Neues für Lykke Li. Mit ihren Eltern, die „durch eine ziemlich hippiemäßige Phase gegangen sind“, lebte sie fünf Jahre lang in Portugal, später in Indien, Marokko und Nepal. „Das hat mich wohl etwas ruhelos gemacht“, sagt sie. „Ich finde nur schwer einen Ort, an dem ich mich zu Hause fühle.“

In New York könne sie allerdings schon leben. Mit 19 ging sie auf eigene Faust dorthin, versuchte sich im Improvisationstheater und ließ sich und ihre Lieder bei Open-Mic-Abenden ausbuhen. „Es ist ein Ort, an dem jeder darum kämpft, das zu erreichen, was er sich wünscht. Oder einfach ums Überleben. Davon geht eine ungeheure Energie aus. Es dreht sich alles ums Arbeiten.“

Lykke Li ging zum Arbeiten dann doch erstmal nach Schweden zurück. Sie veröffentlichte ihre Musik bei MySpace und erregte damit irgendwann die Aufmerksamkeit Björn Yttlings. Der Bassist und Keyboarder der Indie-Band Peter, Björn & John, die 2006 den pfeifenden Radiohit Young Folks hatten, wurde ihr Produzent. So entstand in den legendären Stockholmer Atlantic-Studios – ABBA fabrizierten dort dereinst ihre ersten Hits – ein hinreißendes, souveränes Debütalbum.

Mal schluchzt eine einsame Violine, mal rumpelt ein geschlagener Kontrabass, röhrt ein Tenorsaxofon durch die Stücke. Durchgedrehter Folkpop wechselt sich ab mit elektronischen Tanzrhythmen und Sixties-Girlgroup-Klängen nach Phil Spectors Art. Zwischen all dem singt Lykke Li von Sehnsucht, Angst, Verlassenwerden und Einsamkeit.

Nette Liedchen übers Partymachen sind von ihr nicht zu erwarten. In Everybody But Me singt sie davon, wie es ist, inmitten vergnügungssüchtiger Menschen amüsierunwillig zu sein. „Everybody's drinking – I don't want to“. Im Moment, sagt sie, treffe das allerdings auf sie selbst nicht zu. „Wenn ich jeden Abend ein Konzert habe, muss ich mich irgendwie entspannen. Deshalb mag ich Whisky.“

Das Album Youth Novels ist erschienen bei Warner Music

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Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 10.09.2008 um 19:34 Uhr

    eine popklatsche kindischster klänge

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