Zurückgeblättert Zadek probt ein Märchen
Die anstrengendste Art, Theater zu machen: In der Ausgabe vom 8. September 1978 beobachtet das ZEITmagazin die Proben zum "Wintermärchen"
Draußen glänzt einer der raren schönen Sommermorgende. Drinnen herrscht schläfrige Geschäftigkeit: Schauspieler haben ihr Privatgesicht erst halb hinter Masken und Schminke verborgen, Bühnenarbeiter rücken Mobiliar auf exakt vorgeschriebene Positionen, aus der Proszeniumsloge dudelt ein Vier-Mann-Orchester, der Bühnenmeister raunt Befehle, der .Regisseur, schweigsam umgeben vom Schwärm der Assistenten, frühstückt im Halbdunkel der achten Reihe Rührei und schlürft Beutel-Tee aus dem Plastikbecher. Es ist in jeder Hinsicht zehn Uhr morgens an einem deutschen Stadttheater.
Es ist, genauer gesagt, der 10. Juli 1978 und Probenbeginn am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Geprobt wird Shakespeares „Wintermärchen". Der Regisseur ist Peter Zadek. "Seit fünf Jahren ist Shakespeare fast meine einzige Beschäftigung", sagt Zadek, Jahrgang 1926, der zuletzt die Tragödien "Othello" und "Hamlet" gegen den klassischen Strich bürstete.
Diesmal, bei der Komödie, das zeigt der erste Blick, wird es kulinarischer zugehn. „Eat Art"-Künstler Daniel Spoerri hat Zadek eine Bühne gebaut mit Portalen und Gassen. Im Hintergrund thront eine gewaltige Statue, halb Buddha, halb Sphinx. Prächtige Masken und Kostüme tummeln sich auf der Szene.
„Ich hab' lange nicht mit Ausstattung gearbeitet, ja, Bühnenbilder haben mich echt gestört", sagt Zadek, „doch jetzt mußten die Mittel mal wieder vergrößert werden. Es soll ein großes Märchen werden."
Dafür sorgt Zadek auf seine Art. Der Bühnenboden nämlich ist mit grüner Plastikfolie ausgeschlagen. Drauf ist ein gleichfalls grüner Glibber gegossen, der den Akteuren hohe Standfestigkeit abverlangt, der jede Bewegung zu einem Balanceakt werden läßt. Slime heißt die Kanaille, eigentlich jüngster Hit auf dem Spielzeugmarkt. Ein Freund hatte
Zadek eines Tages eine Dose davon auf den Tisch gestellt und der hat's dann gleich tonnenweise bestellt. Jetzt schwabbelt es über den Bühnenboden, tropft auch in Fäden und Fladen aus dem Theaterhimmel. Ein teurer Gag? Oder Ferment eines Kunstvorgangs, wie die beiden höchst lebendigen Schafe, deren unprogrammierbares „Bäh" den Schauspielern gelegentlich in den Text fährt?
Zadek, man weiß es, hat nichts gegen Gags, pariert aber gelassen: So teuer sei der Slime gar nicht und außerdem habe er „eine scharfe formale Wirkung auf das Ganze". Nicht nur als Sinnbild für „Böhmens Wüstenei", die sich Zadek anders nicht als morastig vorstellen kann. Sondern auch als Mittel, die Schauspieler bewegungsbewußt zu machen. Zadek-Protagonistin Rosl Zech: „Da kommt man nicht auf die Idee, zu posieren."
Wahrlich nein. Der unsichere Untergrund verlangt den Schauspielern und selbst den Schafen einiges ab, um nicht auf die Nase zu fallen. Da wird gerutscht und balanciert, wie in alten Slapstick-Streifen. Ein königlicher Auftritt wird zur Rutschpartie. Ein Menuett zur polternden Parodie auf alle üblicherweise dargebotenen Zierlichkeiten.
"Ich bitte nur um eins", ermahnt Zadek die Truppe, die sich im Slime-Dekor sichtlich wohl fühlt und sich das Zeug auch mal an den Kopf wirft, „ich möchte nicht, daß jemand spielt, er falle hin, außer er fällt wirklich. Schließlich leben die mit dem Slime", argumentiert er, „sie sind slime-gewandt."
Zadeks Böhmen, das im Slime ersäuft, hat natürlich mit dem wirklichen Böhmen so wenig zu tun, wie das Böhmen des Stücks, das bei Shakespeare irgendwo am Meer liegt, nicht weit weg von Sizilien, wo das „Wintermärchen" beginnt und endet. „Ein kurioses, phantastisches, verrücktes Stück", meint Zadek, der das Spätwerk schon seit dreißig Jahren liebt. Damals spielte er in einer Inszenierung in Oxford darin eine Nebenrolle.
Das Stück erzählt die Geschichte von Leontes, dem König von Sizilien, den eines Tages grundlose Eifersucht packt: Sein königlicher Freund Polyxenes, Herrscher über Böhmen und zu Gast in Sizilien, treibt es, meint Leontes, mit seiner Frau Hermione. Der Böhme kann sich nur durch Flucht retten. Hermione wird eingekerkert und stirbt — einstweilen. 16 Jahre quält sich Leontes mit Schuldgefühlen. Die Frau tot, die zuvor geborene Tochter Perdita hat er umbringen lassen.
Doch wie in einem richtigen Märchen ist alles ganz wunderbar: Die scheinbar getötete Tochter ist in Böhmen ausgesetzt worden und mittlerweile wunderschön. Böhmens Prinz Florizel verliebt sich in die vermeintliche Schäferstochter, und zum guten Ende, beim Familientag in Sizilien, lebt dann auch die totgeglaubte Hermione wieder auf. Dramaturg Urs Jenny: „Sicher eins der abseitigsten Shakespeare-Stücke."
Dem Zadek ist das gerade recht. All das Wilde und Wirre, das Widersprüchliche und Kuriose, das gelegentlich selbst in seiner Bearbeitung nicht immer Verständliche, versucht er, auf die Bühne zu übersetzen. Seine Maxime: „Bei Shakespeare zerfällt das Stück allmählich, und ich lass' es zerfallen. Am Ende werden nur noch Fetzen gezeigt."
- Datum 30.07.2009 - 11:46 Uhr
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