David Foster Wallace galt vielen als Genie. Er schrieb mit einer Experimentierwut wie kaum ein anderer in der zeitgenössischen Literatur Amerikas. Nun hat er sich in seinem Haus im kalifornischen Claremont erhängt. Er wurde 46 Jahre alt.

Als "Rakete in die Zukunft" bezeichnete ihn der Schriftsteller Don DeLillo. Wallace’ Prosa war kompliziert, so kompliziert wie die Welt, die er mit ihr beschrieb. Seine Erzählungen waren verworren, seine Sätze schier endlos. Er erschuf Psychogramme superaufgeklärter Amerikaner, die zwischen Medienchaos, Selbsthilfegruppen und Drogen versinken.

Alles konnte er schreiben! Seine Themen schienen bisweilen abstrus. Aus Tennis und Hummer, Luxusterror auf einem Kreuzfahrtschiff und Knasttätowierungen schuf er seine Geschichten. Lustig, traurig, sardonisch und ernst – in vielen Tonarten entwarf er Zukunftsvisionen Amerikas, satirische und analytische Zeitdiagnosen. Und immer brillierte er: als Erzähler in Kleines Mädchen mit komischen Haaren, als Romancier in Infinite Jest, seinem mehr als 1000 Seiten starken Roman, der noch immer nicht auf Deutsch vorliegt.

"Man kann nicht auf der Welt sein, ohne in Schmerzen zu leben", sagte Wallace. Von diesen Schmerzen erzählte er, und immer auch von den Möglichkeiten, sie zu überwinden: Therapie, Religion, Liebe, Reichtum. Wallace tat es ätzend und bissig. In Infinite Jest treibt die Verzweiflung eine Figur so weit, dass sie ihren Kopf in die Mikrowelle steckt.

Seine Bücher waren bevölkert von traurigen Männern. Die kleinmütige Suche nach Freude, den Überfluss der Glücksangebote in Amerika – auch das trieb Wallace’ Prosa an. Er pflegte einen nahezu enzyklopädischen Stil, um den Vielklang der Gesellschaft darzustellen, und mit ihr das Böse und Düstere. So komisch seine Werke waren, so schnell fand man sich wieder in einem befremdlichen Sog der Absurdität. Wallace war ein Maximalist, sprengte die Grammatik, manche nannten ihn einen Angeber, andere schwärmten, Wallace habe "ein Wörterbuch verschluckt". Mit seinem nahezu Joyceschen Sprachwitz versetzte er das literarische Amerika in Erstaunen.

"Er war ein großes Talent, unser stärkster Autor", sagte Jonathan Franzen und beschrieb seinen Kollegen als nett und gemartert zugleich. Wallace war Professorensohn, später Tennisjungstar, er studierte Philosophie und Englisch, schloss summa cum laude ab. Danach entstand sein erstes Buch Der Besen im System. Seit 2002 war er Professor für Kreatives Schreiben am Pomona College in Kalifornien. Doch Wallace litt an Depressionen, nahm Medikamente, auch Drogen. Er befand sich stets im Kampf mit dem eigenen Ich. Auch davon erzählen seine Geschichten.

Seine frühen versammelte er in Bänden wie Kleines Mädchen mit komischen Haaren und Kurze Interviews mit fiesen Männern. In Infinite Jest, seinem Opus Magnum, hat er sich mehrfach porträtiert. Immer zeigte sich Wallace als Analyst einer selbstverlorenen Gesellschaft. Er beschrieb die Welt in einem psychotischen Realismus, der, wie Wallace sagte, nur einem Prinzip untergeben war: "Er soll klingen wie die Seele."