ZEIT ONLINE: Das iPhone hat laut Studien den Effekt, dass deutlich mehr Menschen nun auch mobil im Internet surfen. Kann man von einem "Startschuss" in eine neue Medienwelt sprechen?

Michael Maier: Man erkennt daran auf jeden Fall, dass der autoritäre Weg von Microsoft, den Menschen vorzuschreiben, wie sie das Internet und ihre Geräte benutzen sollen, nicht funktioniert hat bei der Übertragung auf ein mobiles Gerät. Mit dem Touchscreen auf dem Handy hat Apple hier den Durchbruch geschafft.

ZEIT ONLINE: Werden wir künftig eine ganz neue Art der Mediennutzung beobachten? Gibt es den Zeitungsleser im Café bald nicht mehr?

Maier: Das Entscheidende ist nicht, welches Gerät ich in der U-Bahn oder im Café verwende, sondern ob die Eindimensionalität eines Zeitungstexts wirklich das letzte Wort ist. Ein Bericht über Barack Obama ist schön, aber ich will die Höhepunkte seiner Rede auch sehen können. Will ich nicht vielmehr durch Links weiter geführt werden? Ich glaube, dass die Leute immer multimedialer werden. Sie wollen selbst entscheiden, wann, wie und wie tief gehend sie sich informieren. Das sind alles Dinge, die weder auf dem Papier noch auf dem Fernsehbildschirm leistbar sind.

ZEIT ONLINE: Viele fürchten, dass die Mediennutzung "im Vorbeigehen" zu einem Bildungsverlust führt.

Maier: Das Problem ist nicht, dass die Jungen verblöden, sondern dass die Alten nicht mehr verstehen, was die Jungen eigentlich machen. Man sollte eher die Frage stellen, wie sich die Kommunikationskultur von Jugendlichen entwickelt, die multimedial unterwegs sind, die Computerspiele spielen. Ich finde es faszinierend, dass heute schon Universitäts- und Staatsbibliotheken darüber nachdenken, wie sie Computerspiele in ihre Konzepte integrieren können. Die heiligsten Hallen der Kulturbewahrung machen sich Gedanken über die Kommunikation der kommenden Generation.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch von Ihren Kindern schon etwas gelernt in technischer Hinsicht?

Maier: Ja, ich habe an ihnen vor allem die Fähigkeit beobachtet, gleichzeitig Informationen verschiedener Dinge zu verarbeiten. Die spielerische Art und die Schnelligkeit, mit der Kinder lernen, zu denken, zu beurteilen und zu handeln, fehlen uns Älteren. Mein jüngster Sohn ist fünf Jahre alt und schaut sich mit größter Selbstverständlichkeit auf YouTube Piratengeschichten an, die mit Legofiguren nachgespielt werden. In diesen Clips steckt eine enorme Kreativität, da bauen Leute ganze Landschaften nach und unterlegen das Ganze mit Musik. Mein Sohn braucht keinen Kinderkanal und kein öffentlich-rechtliches Fernsehen, er weiß genau, wie er sich seinen Film auswählt. Und dann setzt er sich wieder in sein Zimmer und spielt seine eigenen Geschichten. Was er im Internet erfährt, ist: Ich kann selbst meinen eigenen Piratenfilm erschaffen. Das ist doch eine Riesengeschichte.

ZEIT ONLINE: Also ist nichts dran an dem Vorwurf, das Internet mache "doof"?

Maier: Bei dieser Behauptung werde ich ganz aggressiv. Natürlich gibt es auch Britney-Spears-Videos im Netz. Aber die Nutzung des Internets hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie erfordert, dass man mitmacht, sich beteiligt, aktiv etwas tut. Damit wird die intelligentere Aufnahme von Informationen sogar gefördert. Man bekommt nicht nur Informationen, sondern kann sein eigenes Wissen über diese Informationen beisteuern. Damit ist der Wissenserwerb nicht mehr ein autoritativer Vorgang, sondern ein dynamischer Prozess.

ZEIT ONLINE: Das setzt natürlich den "mündigen" Nutzer voraus. Besteht nicht vielleicht die Gefahr, dass man sich auch im Netz berieseln oder durchs Leben "navigieren" lässt, ohne selbst noch groß nachzudenken?

Maier: Alle Medienrevolutionen haben im Endeffekt zu einer intelligenteren Nutzung von Informationen geführt. Als zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts die Telegramme aufkamen, haben auch alle gesagt, wie schrecklich es sei, so kurze Meldungen zu verwenden. Das Internet ist eine Fortsetzung dessen, was mit dem Fernsehen passiert ist: Die Leute wollen sich aktiv beteiligen und eben nicht nur stumpf vor der Glotze sitzen.

ZEIT ONLINE: Bei uns macht man sich Sorgen um die Übertechnisierung der Gesellschaft, in anderen Teilen der Welt ist der Mangel an Technik das Problem. Ist der Einsatz mobiler Kommunikationsmittel gleichzeitig ein Kampf gegen die Armut?

Maier: Verschiedene Studien der UN belegen, dass der Zugang zum Internet in einem Land mit dessen Wohlstand zusammenhängt. Die gravierenden Probleme, die wir heute haben, besitzen ein gemeinsames Merkmal: Sie sind global und sie wachsen exponentiell. Und der einzige Wirtschaftszweig, der ebenfalls in dieser Art wächst, ist der digitale. Globale Probleme wie der Klimawandel, Finanzkrisen, Seuchen, nur gelöst werden können, wenn wir eine Kommunikationsform finden, bei der Leute aus China, Afrika, Europa, Amerika zusammen denken können.

ZEIT ONLINE: In ihrem Buch "Die ersten Tage der Zukunft – wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können" beschreiben Sie eine lange Tradition der Technologiefeindlichkeit in Deutschland. Ist das immer noch so?

Maier: Absolut. Diese Haltung ist insofern verständlich, als Technologie von den Nationalsozialisten zum gezielten Völkermord eingesetzt wurde. Das ist in den USA anders. Man weiß dort natürlich auch, dass Missbrauch getrieben werden kann, aber man interessiert sich mehr für die Möglichkeiten, neue Technologien sinnvoll zu nutzen.
Dieses Kulturproblem muss Deutschland sehr ernst nehmen. Wir können unseren Kindern nicht sagen: Weil Technologie vielleicht gefährlich ist, müsst ihr am besten alles ausschalten. Denn andere Länder wie Indien, Südkorea und China sind so schnell, so sicher und so gut darin. Sie trimmen ihre Kinder so sehr darauf, dass sie unseren einfach überlegen sein werden. Ich möchte meine Kinder nicht als digitale Analphabeten in der Welt herumtorkeln sehen.

ZEIT ONLINE: Ist Ihre Prognose für Deutschland so düster?

Maier: Deutschland ist natürlich kein Entwicklungsland in Sachen Internet. Ich glaube, die Generation der heute bis 35-Jährigen wird den mobilen und multimedialen Gebrauch in Deutschland in den nächsten Jahren so weit vorantreiben, dass die Frage, ob das Internet "böse" ist, hoffentlich nicht mehr gestellt wird.
Ich bin aber auch überzeugt davon, dass viele deutsche Institutionen diese Entwicklung verschlafen und nicht in der Lage sein werden, sich zu verändern. Sie werden in fünf Jahren den "Abseits"-Effekt spüren: Sie glauben, sie haben den Ball, und dann spielen Sie ihn ab und es steht niemand mehr da.

ZEIT ONLINE: Welche technischen Geräte werden in Deutschland in fünf bis zehn Jahren selbstverständlich sein?

Maier: Wir werden noch viel mehr Chips an anderen Stellen haben, im Haushalt, mobil, aber auch in unserem Körper bei bestimmten Krankheiten. Mensch und Maschine werden in gewisser Weise verschmelzen.

Michael Maier, geboren 1958 in Klagenfurt, gründete mit der Netzeitung Deutschlands erste Online-Zeitung. Derzeit entwickelt er mit seinem Unternehmen Blogform Internet-Strategien für internationale Unternehmen und betreibt in Deutschland das Bürgerjournalismus-Forum Readers Edition. Sein aktuelles Buch "Die ersten Tage der Zukunft – Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können" ist gerade im Pendo-Verlag erschienen.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele