Literaturklassiker Hört mit dem Blödsinn auf!
Ein neuer Comic zu Kleists Drama "Penthesilea" zeigt: Moderne Fassungen unserer Klassiker zerstören oft ihre Kraft und Schönheit
"Schiller ist der Killer", sagt Doppel-U. Er muss es wissen, denn er ist derzeit einer der meist gefragten Schillerexperten. Wenn Doppel-U vor begeisterten Gymnasialklassen seine Version von Schillers An die Freude rappt, braucht er nicht mal ein Wort zu verändern: Der Beat und die Riffs machen aus Schiller den "Oberchiller".
Der Hip-Hop-Literat ist Aushängeschild des Goethe-Instituts, das in einem Bildungskreuzzug die großen deutschen Klassiker unters Volk bringen will. Gerade tourt der 25-jährige Rapper im Auftrag des Instituts durch Osteuropa und wirbt für einen Wettbewerb unter dem Motto: "Rappe deinen Lieblings-Schiller". Der große Durchbruch gelang ihm vor zwei Jahren mit dem "interaktiven Rap-Hörbuch" beim Schulbuchverlag Schroedel, Titel: Goethe und Schiller.
Die Konkurrenz ist groß, seit fünf Jahren werden die Schulen von Klassikerbearbeitungen überschwemmt. Da gibt es die seriösen Umdichter wie den Cornelsen-Verlag mit seiner Schulbuchreihe einfach klassisch, in dem die Texte zusammengestrichen, der Wortlaut umgeschrieben und Passagen behutsam durch kleine Inhaltsangaben ersetzt werden. Vor vier Jahren gab es die erste Auflage, Germanisten schäumten vor Wut, doch konnten sie den Erfolg nicht verhindern. In der Reihe einfach klassisch sind mittlerweile 21 Texte zu haben, viele von ihnen in wiederholter Auflage, von Shakespeares Romeo und Julia bis Schillers Räuber.
Neben den Seriösen gibt es auch die Ruinösen. Sie modernisieren die Klassiker nicht mit dem hehren Ziel, die Schüler mit kleinen Schritten zu großen Werken zu führen, sie wollen einfach unterhalten – und auf dem Weg dahin ist zwei ehemaligen Redakteuren der Bild-Zeitung nichts mehr heilig. Was laut Verlag zu einer "modernen und leichter lesbaren Sprache" geführt habe (und sich bestens verkauft), reduziert Dialoge in Götz von Berlichingen auf zum Beispiel "Ihr seid heute aber wirklich nicht gut drauf!", klingt in Kabale und Liebe nach "Was du nicht sagst!" und komprimiert Romeo und Julia zu: "Hört mit dem Blödsinn auf!". Wer darüber nicht seinen guten Geschmack verliert, hat keinen mehr zu verlieren.
Spät hat sich jetzt auch das Kleist-Archiv Sembdner entschieden, den hauseigenen Klassiker Kleist jünger, bunter, neuer zu machen. Doch wenn Schiller heute der Killer ist, was ist dann Kleist – ganz schön feist? Der Namensgeber des Archivs, Helmut Sembdner, steht seit 50 Jahren in der Germanistik jedenfalls für das Gegenteil von Anbiederung, nämlich für den behutsamen Umgang mit klassischer Literatur. Seine Ausgabe von Kleists gesammelten Werken in zwei Bänden wurde zu einer der wenigen Gesamtausgaben, die Laien und Wissenschaftler gleichermaßen zufrieden stellte. Hans Magnus Enzensberger urteilte 1961 euphorisch: "Eine Klassikerausgabe, wie sie sein soll."
Nach Hermannsschlacht. Eine Bildgeschichte in 50 Zeichnungen hat das Archiv nun Kleists einzig vollständig erhaltene Tragödie Penthesilea als Comic-Bearbeitung herausgebracht - und die Umsetzung ist gründlicher misslungen als alle Klassikeradaptionen vor ihr. Das liegt am Zeichner und Autor Lutz R. Ketscher, zum Teil auch am Werk selbst. Denn das Drama ist sperrig, monströs und passt in keine Schablone. Bis ins 20. Jahrhundert löste dieses Schauspiel Entsetzen aus. "Die Penthesilea ist aus einem so wunderbaren Geschlecht" hatte Goethe Kleist vor genau 200 Jahren geschrieben – und das Adjektiv "wunderbar" war alles andere als ein Kompliment.
Penthesilea liebt Achill, und er verliebt sich in sie. Bald merkt er, dass er die Königin der Amazonen nur durch freiwillige Unterwerfung für sich gewinnen kann. Er täuscht im entscheidenden Zweikampf eine Niederlage vor, Penthesilea entdeckt den Betrug, wird wahnsinnig, tötet, ja, zerreißt ihn und isst den sich ihr ahnungslos nähernden Achill buchstäblich vor Liebe auf.
Das Hauptproblem des neuen Comics sind nicht die schlampigen Zeichnungen, die entweder schlecht zu erkennen oder unübersichtlich sind, die beliebig und manchmal unfreiwillig komisch aussehen. Das große Manko sind auch nicht zentrale Fehllesungen des Dramas, etwa im letzten Bild des Comics, auf dem sich Penthesilea mit einem Dolch ersticht – obwohl die Amazonenkönigin im berühmtesten Selbstmord der deutschen Literatur allein durch die Waffen ihres Wortes stirbt.
Der Penthesilea-Comic scheitert vor allem an seiner Unentschiedenheit. Einerseits hält es am anspruchsvollen Kleist'schen Originaltext fest, andererseits wirft es sich den Lesern mit bunten, blutig roten Einfärbungen (Penthesilea als Kannibalin!) an den Hals – obschon Kleist von allen anstößigen Szenen im Stück nur erzählen lässt. Das Unternehmen wird dadurch hoffnungslos unterkomplex und taugt trotzdem nicht als Unterhaltung. Der Comic traut sich nicht, seinen eigenen Weg zu gehen, vertraut aber auch dem Autor nicht. Für diesen neuen Kleist und für alle Bearbeitungen, die mehr wagen, als sie können, oder weniger, als sie sollten, ein kräftiges „Hört mit dem Blödsinn auf!“. Frei nach Shakespeare.
- Datum 18.09.2008 - 15:30 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wie sollen wir an Werken wachsen
wenn Ihr sie so zusammenstaucht?
wieder lebendig
braucht man eigentlich noch Lehrer, oder Theater? wenn die Verlage die Klassiker doch so wunderbar verblöden? Oder ist das irgendwie nicht die richtige Frage? Wie? Pardon, wo bin ich hier eigentlich hingeraten? He, Sie da. Laufen Sie doch nicht weg... - Ach. Auf den Flohmarkt? Wie? Was ich dachte?! Na, ich dachte, ich bin im Stadttheater.
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