InsektenMarsianer aus dem Untergrund

Forscher haben im Urwald eine neue Ameisen-Spezies entdeckt: Das blinde Geschöpf ist vermutlich eines der ältesten sozialen Lebewesen unseres Planeten von Kathrin Zinkant

Im Laub zu wühlen, kann ziemlich ergiebig sein, besonders, wenn es sich um das niedergeworfene Blattwerk tropischer Amazonas-Regenwälder handelt. Nirgendwo sonst auf der Welt warten noch so viele Arten darauf, entdeckt zu werden. Und gerade für Insektenkundler ist der modrig-feuchte Naturkompost eine wahre Fundgrube.

Was deutsche Ameisenforscher vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe nun aber im Boden des Amazonasgebietes in Brasilien aufgelesen haben, überraschte sogar die Wissenschaftler selbst: In der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) berichten Christian Rabeling und Kollegen der University of Texas von einem sonderbaren Krabbeltierchen, das den einstigen Urameisen vermutlich so nahe kommt, wie keine andere der bereits bekannten 14 000 Ameisenspezies. Und weil das Insekt auch noch so sonderbar aussieht, tauften die Forscher es auf den Namen Martialis heureka – Heureka, eine Ameise vom Mars!

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Tatsächlich unterscheidet sich der Neuling recht drastisch von seinen vertrauten roten oder schwarzen Kollegen: Fast nackt sieht der Marsianer aus, blass und sehr zerbrechlich. Augen sucht man vergeblich an diesem sonderbaren Geschöpf, dafür besitzt es gewaltige Mundwerkzeuge, wie Schaufeln sitzen sie an seinem eierförmigen Kopf. Und zum Graben sind sie wohl auch bitter nötig, denn wie sonst sollte sich ein höchstens drei Millimeter großes Tier durch seinen unterirdischen Lebensraum buddeln - und auch noch Nahrung erbeuten?

Was zählt, sind indes nicht nur Äußerlichkeiten, es kommt ja auch auf die inneren Werte an: Martialis wurde also kurzerhand ein Beinchen ausgerupft und der DNA-Analyse zugeführt. Die Ergebnisse lassen weit in die Entstehungsgeschichte der sozial organisierten Ameisenwelt blicken, genetisch jedenfalls lässt sich die neue Art am ehesten sehr weit unten im Ameisenstammbaum platzieren. "Diese Entdeckung stützt die Annahme, dass blinde, unterirdisch lebende Raubameisen am Anfang der Ameisenevolution standen", erläutert Erstautor Rabeling.

Dabei gilt als gesichert, dass sich unsere heutigen Ameisen vor 120 Millionen Jahren aus den Vorfahren der heutigen Wespen entwickelt haben. Martialis heureka, so vermuten es die Forscher, geht auf eine frühe Form dieser Urameisen zurück und hat sich im mikrostabilen und konkurrenzschwachen Boden des brasilianischen Regenwaldes seither nur wenig verändert. "Sie könnte ein Relikt von einst sein, eine Art, die die Eigenschaften ihrer Vorfahren bewahrt hat", sagt Rabeling.

Die neue Art lässt sich denn auch keiner der heutigen bestehenden Ameisenunterfamilien zuordnen, sondern bildet im Stammbaum der Lebewesen eine eigene, neue Unterfamilie - die erste mit lebenden Vertretern, die seit 1923 entdeckt wurde. Ob die Ameise vom Mars noch weiteren Zuwachs erfährt, bleibt indes abzuwarten - Rabeling und sein Team hatten bislang nur einmal das Glück, die neue Art im Boden des Regenwaldes anzutreffen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ameise | DNA-Analyse | Mars | Regenwald | Brasilien | Karlsruhe
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