Lieber Obama, willkommen auf dem Minenfeld von sex and politics . Wobei mit sex nicht außereheliche Affären, zerknutschte West-Wing-Praktikantinnen oder Lippenstift am Hemdkragen des Kandidaten gemeint ist. Davon gibt’s in diesem Wahlkampf anders als zu Bill Clintons Zeiten wenig zu berichten. Nein, hier beschreibt sex die Geschlechtszugehörigkeit (fürchterliches deutsches Wort!) und all die damit verbundenen Fußangeln. John McCain hat Obama in die Geschlechterfalle gelockt. Und Mister "Yes-We-Can" hat offenbar noch keine Ahnung, wie er da wieder rauskommt.

Dass die Republikaner versuchen würden, Obama mit dem wimp factor anzugreifen, war klar. Weichei-Faktor – das heißt: Obama, der eloquente, elegante Superstar, soll auf die Karikatur eines femininen, elitären, europäisierten Dandys reduziert werden. Die Taktik ist fast so alt wie die USA. Und sie funktioniert besonders gut gegen Demokraten, seit deren Partei in den siebziger Jahren zum Sammelbecken liberaler Ideen und Minderheiten geworden ist.

John McCains Geniestreich besteht nun darin, die Weichei-Keule einer Frau zu überlassen – und damit hat er Obamas Camp kalt erwischt. Der rätselt jetzt mit seinen Beratern: Wie greift man eine Sarah Palin an, die unschuldiges Aussehen mit aggressivem Mundwerk und erzkonservative Werte mit unkonventioneller Politik kombiniert? Wie kratzt man am Lack einer Kandidatin, die mangelnde politische Erfahrung mit einem Familienleben wettmacht, in dem sich halb Amerika wiedererkennt? Eine kecke Gouverneurin aus der amerikanischen Wildnis, die gerade glückstrahlend ein behindertes Baby zur Welt gebracht hat, ihre verhütungstechnisch unbedarfte, schwangere Teenage-Tochter in die Arme schließt und gleichzeitig die Flinte für die nächste Elchjagd schultert – mein lieber Obama, das wird nicht einfach. Attackiert er sie zu hart, gilt er als Rüpel und Sexist. Bleibt er zu verhalten, gilt er als Weichei.

Was tun? Auf Hillarys Beistand hoffen? Keine gute Idee. Hillary hat offenbar signalisiert, dass sie nicht gegen eine Geschlechtsgenossin in den Ring steigen will. Außerdem fände sie eine Niederlage Obamas sooo schlimm nun auch wieder nicht. Schließlich stiegen damit ihre Chancen für einen zweiten Anlauf auf die Präsidentschaft 2012.

Also Sarah Palins Schwächen geißeln? Tagtäglich wiederholen, dass zwei Amtsjahre als Gouverneurin eines "übergroßen Iglus" (Maureen Dowd) doch etwas wenig Berufserfahrung in der Politik sind? Auch keine gute Idee. Dank ihres hemdsärmeligen Auftretens ist Sarah Palin derzeit Mrs. "Yes-I-Can" (nämlich fünf Kinder, ein Enkelkind und mal eben schnell noch die Vizepräsidentschaft der Supermacht jonglieren). Der trügerische Charme dieser Unbedarftheit wird sich in den nächsten Wochen selbst abnutzen – vorausgesetzt, die amerikanische Presse traut sich demnächst, ihr ein paar ernste Fragen zu stellen.

Obama selbst kann vor allem eines tun: wieder etwas mehr Leidenschaft zeigen.