Die republikanische Kandidatin für das US-Vizepräsidentenamt, Sarah Palin, ist nach einem Bericht der New York Times rachsüchtig, tyrannisch und geheimniskrämerisch. Sie sei eine Politikerin, die Kritiker unter Druck setzt und bestraft. Dieses Bild zeichnete das Blatt am Sonntag nach Unterlagen über ihre zwei bisherigen Amtsjahre als Gouverneurin und Interviews mit 60 republikanischen und demokratischen Kongressmitgliedern im US- Bundesstaat Alaska sowie örtlichen Beamten. Demnach beteiligte sich auch Palins Ehemann Todd an der Schikanierung von missliebigen Personen. Zudem verkündete seine Frau schon während ihres Wahlkampfs 1996 für das Amt einer Dorfbürgermeisterin, dass sie Präsidentin der USA werden wolle.

Der republikanische Spitzenkandidat John McCain hatte Palin vor zweieinhalb Wochen zu seiner Nummer zwei ernannt. Seitdem hat er dank ihrer Popularität in den Meinungsumfragen seinen Kontrahenten Barack Obama eingeholt und teils sogar überholt. Kritiker stellen dagegen Palins Qualifikation wegen ihrer begrenzten Erfahrung auf dem nationalen und insbesondere internationalen Parkett infrage. Bekannt wurde zudem, dass der Kongress in Alaska Vorwürfen nachgeht, denen zufolge sie einen Behördenchef feuerte, weil er sich geweigert hatte, ihren Schwager zu entlassen, der sich von ihrer Schwester getrennt hatte.

Nach dem Zeitungsbericht war dies kein Einzelfall, umgab sich Palin mit "gehorsamen" Freunden und verfolgte jene, die nicht spurten. Demnach gab Palin als Gouverneurin mindestens fünf ehemaligen Schulkameradinnen hohe Posten mit Einkünften, die zum Teil weit über deren vorige Bezahlungen hinausgingen. Eine dieser Frauen – bis dahin Maklerin – sei Chefin der Agrarbehörde geworden. Als Qualifikation habe sie ihre Liebe zu Kühen in ihrer Kindheit angegeben.

Vor vier Monaten habe Palins Assistentin bei einer kritischen Bloggerin angerufen und sie aufgefordert, ihre Aktivitäten sofort einzustellen. "Sie sollten sich schämen", soll die Assistentin gesagt haben. Die Zeitung schilderte einen weiteren Fall, in dem sich ein Bauunternehmer bei der damaligen Bürgermeisterin Palin darüber beklagte, dass der örtliche Justizbevollmächtigte eines seiner Bauprojekte gestoppt habe. Der Beamte sei prompt entlassen worden. In einem anderen Fall habe Palin einen Mitarbeiter an die Luft gesetzt, weil er sich in eine ihrer Freundinnen verliebt habe.

Laut New York Times legt Palin als Gouverneurin nicht nur größten Wert auf Loyalität, sondern auch auf Geheimhaltung, wenn es um strittige Fragen gehe. Demnach benutzen sie und ihre Spitzenbeamten manchmal ihre privaten E-Mail-Accounts für Staatsgeschäfte. In einem Fall habe ein Professor der Universität von Alaska versucht, an einen E-Mail-Austausch zwischen Palin und Wissenschaftlern heranzukommen, die die möglichen Auswirkungen des Treibhauseffekts auf Eisbären untersucht hätten. Palin sieht keine solchen Auswirkungen und hat die Washingtoner Regierung verklagt, um zu verhindern, dass Eisbären zu einer bedrohten Tierart erklärt werden. Der Professor habe nach langem Bemühen die E-Mails lesen können – und herausgefunden, dass die Wissenschaftler Palins Meinung nicht geteilt hätten.

In einem Interview des US-Senders ABC gab sich Palin überzeugt, dass der Demokrat Obama es bedauere, Hillary Clinton nicht zu seiner Vize-Kandidatin gemacht zu haben. Palin spielte damit auf ihre eigene Popularität an. Clinton habe sich im Vorwahlkampf gegen scharfe Attacken mit "Entschlusskraft, Schneid und sogar Anmut" geschlagen. Palins Lob für die Ex-First-Lady steht in scharfem Kontrast zu Äußerungen vor ihrer Ernennung zur Vizekandidatin. Seinerzeit hatte sie Clinton, die über Sexismus in der Medienberichterstattung geklagt hatte, als Jammerlappen bezeichnet. Derart zu lamentieren, fördere das Anliegen der Frauen in der Politik nicht, sagte Palin damals.