US-Blogschau Hallo Wirtschaft, auf Wiedersehen Lippenstift

Dank der Finanzkrise soll es im US-Wahlkampf endlich um die Wirtschaftspolitik gehen, freut sich die US-Blogosphäre. Und beschäftigt sich weiter mit Sarah Palin

Die "Huffington Post"-Webseite

Die "Huffington Post"-Webseite

"Hallo Wirtschaft, auf Wiedersehen Lippenstift" – fast erleichtert klang die Schlagzeile, mit der die Demokraten-nahe Internetseite Huffington Post gestern die Nachricht betitelte, der amerikanische Aktienmarkt erlebe den "schlimmsten Tag seit 9/11". Noch deutlicher wurde Jason Linkins in dem Internetmagazin. Er schrieb, es sei dem "heroischen Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte" zu verdanken, dass in der amerikanischen Öffentlichkeit nun wieder über Wirtschaftspolitik diskutiert werde – und nicht mehr über die Frage, ob Barack Obamas Metapher vom "Lippenstift auf einem Schwein" ein sexistischer Kommentar gegen Sarah Palin gewesen sei.

Ausführlich war in der vergangenen Woche über die Qualifikationen der Republikaner-Vizekandidatin gestritten worden – und weiterhin auch über die Form, die diese Diskussion annahm. Neben den schärfsten Angriffen des bisherigen Wahlkampfes ist dabei auch eine gewisse Ermüdung unter professionellen Kommentatoren zu beobachten.

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Hendrik Hertzberg, der politische Essayist des New Yorker , klagte in einem Podcast des Magazins über das Leiden seines Berufsstandes. Für ihn gelte es, kontinuierlich mit zwei Gehirnen zu denken: Das eine sei sein eigenes, mit dem er gleichsam Wahres von Falschem und Wichtiges von Unwichtigem trennen könne. Das andere sei das Hirn des imaginären "amerikanischen Wählers", in das es sich hinein zu versetzen gelte und das, so die Unterstellung, gegen die Wahrheit bisweilen resistent sei. "Das macht uns verrückt", sagt Hertzberg.

Anlass seiner Klagen war ein mehrteiliges Interview mit Sarah Palin gewesen, das der Fernsehsender ABC zwischen Donnerstag- und Samstagabend ausgestrahlt hatte (Teil 1 , 2 , 3 ). Zum ersten Mal seit ihrer Nominierung knapp zwei Wochen zuvor hatte sich die Kandidatin darin ausführlich den politischen Fragen eines Journalisten gestellt.

"Wir sind alle schon einmal in dieser Situation gewesen", schrieb Blake Hounshell im Anschluss an das Interview im Blog der Zeitschrift Foreign Policy . "Man paukt für eine Prüfung, versucht jede denkbare Frage vorherzusehen. Und dann fragt der Professor etwas, auf das man nicht vorbereitet ist, und man versucht, nicht in Panik auszubrechen. So muss sich auch Sarah Palin gefühlt haben, als der ABC-Moderator Charles Gibson fragte: 'Stimmen Sie der Bush-Doktrin zu?' "

Denn statt mit einer Antwort reagierte die Kandidatin auf diese Frage mit Unverständnis – bis Interviewer Charles Gibson nach der zweiten Rückfrage konkretisierte, dass er mit Bush-Doktrin die National Security Strategy aus dem September 2002 meine, die Grundlage der amerikanischen Irak-Invasion im Folgejahr.

Nicht die anschließende Stellungnahme, in der Palin allgemein von der Bekämpfung der islamistischen Bedrohung sprach und von Fehlern, die von ihrer Administration dabei vermieden werden würden, sorgte unter den Kommentatoren in der Blogosphäre und dem etablierten Medienbetrieb für Aufmerksamkeit – sondern das kurze Hin-und-Her, das ihr vorausging.

Der Neokonservative Charles Krauthammer nahm Palin in seiner Kolumne gegen den Vokabeltest in Schutz. Sie habe zwar nicht gewusst, was die Bush-Doktrin ist, schreibt Krauthammer, aber auch Gibson wisse nicht, wovon er spreche. Lange vor dem 11. September und den Kriegen in Afghanistan und im Irak habe er in einem Artikel mit diesem Begriff schon den Unilateralismus der Bush-Regierung beschrieben, so Krauthammer. Insgesamt gebe es vier unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs.

Unter konservativen Bloggern fanden Krauthammers Ausführungen im Laufe des Wochenendes schnell Verbreitung – als erneuter Hinweis auf die vermeintliche linke Voreingenommenheit und Arroganz in den amerikanischen Massenmedien. In einer Diskussion unter Wikipedia -Autoren irritierte dagegen die Selbstverständlichkeit, mit der Charles Krauthammer das öffentlich editierbare Online-Lexikon im Auslegungsstreit um die Bush-Doktrin als Argumentationshilfe heranzog.

Tatsächlich führte der Wikipedia -Eintrag zur Bush-Doktrin den Begriff am Freitag, dem Tag nach dem ersten Palin-Interview, auf Krauthammer zurück. Noch am Vortag fehlte aber der Hinweis auf Krauthammer, ebenso wie ein Hinweis auf unterschiedliche gängige Bedeutungen des Begriffs. Später verwies der Artikel, der seit dem Palin-Interview verstärkte Zugriffe von Editoren erlebte, zwischenzeitig auf Autoren, die sechs oder sieben konkurrierende Bedeutungen der Bush-Doktrin zählen. Und hätte Charles Krauthammer einen Tag früher nach Referenzen für seine Kolumne gesucht, hätte er sich wohl kaum auf Wikipedia gestützt: Am Donnerstag begann der Übersichtsabsatz zur Bush-Doktrin einige Stunden lang mit den Worten: " Bush ist ein Affe ".

Ganz unverständlich ist sie nicht, die Hoffnung der Huffington Post , dass die Woche der Tiervergleiche und ermüdeten Denker nun mehr vorbei sein möge.

 
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