Yoko Tawada Die Wortreisende
Yoko Tawada ist in Japan sehr bekannt, in Deutschland ein Geheimtipp. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin über die deutsche Sprache und ihren neuen Roman "Schwager in Bordeaux"
In Yoko Tawadas neuem Roman Schwager in Bordeaux fährt Yuna von Hamburg nach Bordeaux, um dort in das Haus des Schriftstellers Maurice, dem Schwager ihrer Freundin Renée, einzuziehen. Maurice will selbst verreisen, daher ist das Haus frei. Yuna möchte in Bordeaux Französisch lernen. Das Buch beschreibt nicht nur Yunas Ankunftstag. In vielen Rückblenden werden Geschichten der Menschen erzählt, denen Yuna begegnete und durch die sie sich veränderte. Es ranken sich viele Beobachtungen und Anekdoten rund um das Lieben, Leben und Sterben ihrer Freunde. Die Hafenstädte Hamburg und Marseille werden zu Gefäßen der Sehnsucht. Der Roman ist aber auch die Geschichte eines Transits zwischen den Worten, ihren vielfältigen Bedeutungen und Konnotationen: eine Reise durch Sprachen.
Tawadas Roman bereitet eine große Freude, da er verwinkelt ist und spannend. Jedem Abschnitt, und es sind derer viele, ist ein Schriftzeichen vorangestellt. Auch viele schöne Sprachbilder sind zu entdecken – wie man dies von der Schriftstellerin gewohnt ist. "Vielleicht ist jedes Wort ein Musikinstrument", heißt es. Tawadas extrem pointiertes Denken und Schreiben ist immer wieder beeindruckend. Sie betreibt in ihren Büchern eine zärtliche, wohlmeinende Kulturanalyse. Eine, die dennoch Distanz schafft und uns über uns selbst wundern lässt.
ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung haben die Schriftzeichen, die über jedem Absatz stehen?
Yoko Tawada: Jedes Zeichen hat eine oder mehrere Bedeutungen, genau wie ein Wort. Die Ideogramme haben eine Form, die man mit dem Text, der darauf folgt, in Verbindung bringen kann. Die Assoziationen, die durch die Zeichen entstehen, beeinflussen den Text. Dennoch gibt es keinen direkten Zusammenhang, es entsteht ein Spielraum. Das ist wie bei einem Traumbild: Man weiß nicht, was es genau bedeutet, mehrere Deutungen sind möglich. Das ist mit den Ideogrammen ähnlich. Man versteht manchmal den eigenen Traum nicht. Ich erwarte nicht, dass der Leser das Ideogramm versteht. Aber er sieht trotzdem die Form. Auch in einem Text, der in einer Sprache geschrieben ist, die man versteht, gibt es Teile, die so ähnlich bleiben wie Bilder. Wenn man nicht jeden Teil, jeden Satz komplett versteht, erhält man dennoch eine Verkörperung vom Charakter des Textes.
ZEIT ONLINE: Wie viel ist autobiografisch an Ihrem neuen Roman?
Tawada: Viele Elemente sind autobiografisch, aber wenn man genau hinsieht, ist mir nichts davon wirklich passiert.
ZEIT ONLINE: Der Romantitel liest sich schnell als Schwanger in Bordeaux. Ist das beabsichtigt?
- Datum 16.09.2008 - 16:43 Uhr
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